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145 Jacobsen

Und sie verspotteten ihn und riefen zu ihm hinauf: ‚Du, der du den Tempel niederreis­sest und ihn in drei Tagen wieder aufbauest, hilf dir nun selber; bist du Gottes Sohn, so steig herab von diesem Kreuz!‘ Da ward Gottes eingeborener Sohn in seinem Sinn erzürnt und sah, dass sie nicht der Erlösung wert waren, die Mengen, die die Er­de anfüllen, und er riss seine Füsse über dem Kopf des Nagels aus, und er ballte seine Hände um die Nägel in den Händen und zog sie heraus, so dass sich die Arme des Kreuzes wie ein Bogen spannten, und er sprang auf die Erde herab und riss sein Gewand an sich, so dass die Würfel über den Abhang von Golgatha herabrollten ...

Jens Peter Jacobsen, Die Pest in Bergamo, dänisch 1881.

Gerade war ich ein herbstliches Wochenende lang in der Città Alta von Bergamo. Ich lief auf und ab über die Katzenköpfe und Steinziegel der Gassen. Ich freute mich an den Piazze und Chiese und Palazzi. Ich sah kunstvolle Ornamente und lustvolle Be­schläge, verwaschenes Ocker auf Wänden und Brunnen in verwunschenen Höfen. Wie reich die Stadt gewesen sein muss! Die Kathedrale, die Kapelle der Colleoni, die Kirche Santa Maria Maggiore lassen es ahnen. Wie um­strit­ten sie gewesen sein muss! Ringsum wehrhafte Mau­ern, von den sieg­rei­chen Venezianern noch verdop­pelt, lassen es ahnen. Hinter sich die Alpen und vor sich die Ebene, so thront Berga­mo seit Jahr­tausenden auf sei­nem steilen Felsen. Ein Adlerhorst.

Wie so viele Städte im späten Mittelalter (1348-49) erlebt bei Jens Peter Jacobsen auch das rei­che und wehrhafte Berga­mo die Pest. Die Un­ter­stadt stirbt nahezu aus. Die Ober­stadt schützt sich durch Ord­nung, doch verge­bens. Sie erhebt die Schutz­man­telma­don­na zur Obrigkeit, doch ver­gebens auch dies. Da kippt die Stimmung. Wenn der Him­mel die Pest nicht aufhält, so will die Stadt nun auch die Sün­de nicht aufhalten. Sie will ihre Begierden ausleben, solang es geht. Drinnen blühen die La­ster, draussen wütet die Pest. Bis Turmwächter eines Tages in der Ebene einen Geiss­lerzug se­hen. Singend ziehen sie herauf in die Oberstadt. Extrem Gottlose ste­hen nun extrem Gottseligen gegenüber. Zuerst sprachlos, dann spöttisch und läster­lich, zuletzt in einem wahren Hexensabbat. Die Kathedrale erlebt gleichzeitig Überhö­hung und Ent­weihung. Bis alles still wird, weil einer der Geissler predigt. Sei­ne Pre­digt gip­felt in diesem unvorstellbaren Bild.

Der Gekreuzigte tut, was seine Spötter ihm höhnisch raten (Mt 27,39): Er reisst sich die Nä­gel raus, steigt vom Kreuz und greift sein be­reits verlostes Gewand (Mt 27,35). Jesus geht, und das Kreuz ist leer. Die Erlösung fällt aus, und die Pest wütet weiter. Als den Gottlo­sen in der Ka­the­drale von Bergamo dämmert, was das bedeutet, skan­dieren sie wie ih­re bibli­schen Vor­fahren: Kreuzige, kreuzige ihn! (Mt 27,23)

Dieser Gottessohn verkörpert nicht Liebe, sondern Zorn, nicht Hingabe, sondern Auf­lehnung, nicht Vergebung, sondern Strafe. Die Mengen, die die Erde anfüllen, sind nicht der Erlösung wert, lässt Jacobsen ihn geradezu prophetisch sagen. Im Wörtlein wert steckt die theologische Frage schlechthin: Ist überhaupt jemand der Erlösung wert? Der Vergebung, der Hingabe, der Liebe? Liebt man, weil der Geliebte der Lie­be wert ist? Kann sich sowas wie Hingabe oder Vergebung lohnen? Gibt es fürs Glück einen Preis und fürs Heil eine Rechnung? Ist das Kreuz ein Aufwand? Der Glau­be eine Anlage? Ist um­gekehrt die Pest eine göttliche Sanktion, die mit Selbster­niedrigung abzuwenden wäre? Mindestens abzuzahlen?

Nein, Gott ist kein Händler und sein Sohn kein Filialleiter, das Kreuz kein Geschäft und der Glaube keine Investition. Im Ge­genteil, ob Pest oder Lust, Selbsterhöhung oder Selbsterniedrigung: Gottes Gna­de ist gratis, und das Wort vom Kreuz bleibt, oh­ne den Glauben gehört, zu allen Zeiten eine Torheit (1Kor 1,18).

 23.10.17