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142 Walter

All dieses Können, dieses Wissen und die beinahe körperliche Verbundenheit Jean- Baptist Buchats mit den Eiffelschrauben – Paul Merliet, sein Kollege, pflegte später zu sagen und war auch bereit, dies jederzeit zu beschwören, Jean-Baptist habe mit den Schrauben gesprochen, und nicht selten sei es ihm gewesen, als hätten die leb­losen, stählernen Dinger, diese glotzenden und doch blinden Eisenwesen, Jean-Bap­tist geantwortet – kurz, diese ganz aussergewöhnliche Vorliebe Jean-Baptists zum Eiffelturm führte nach kurzer Zeit zur Beförderung, die allerdings mehr Ehren als Geld einbrachte.

Rainer W. Walter, Brückenwärter Buchat, 1976.

Doch, das kann ich verstehen. Letzthin war ich zu einem Seminar in Pittsburgh. Zwei Wochenenden verbrachte ich privat in dieser Stadt. Ich wollte sie kennenlernen, den Hauptort im amerikanischen Rust Belt, der ältesten und grössten Industrieregion der Vereinigten Staaten. In Pittsburgh wurde in den 1860ern der Stahl erfunden. 1870 gab es den ersten Hochofen. Andrew Carnegie mit seiner Steel Company wurde hier zum reichsten Mann des Jahrhunderts. Auf Schritt und Tritt begegnete mir sein Na­me. Noch eindrücklicher waren aber die vielen Brücken aus Stahl. In Pittsburgh ent­steht der Ohio River aus dem Zusammenfluss zweier anderer Flüs­se. Grund genug für herrliche Stahlkonstruktionen, nicht wenige im Kampf mit dem Rost. Am meisten faszinierten mich die Bolzen, Schrauben, Muttern. Begeisternde Strukturen, schöne Funktionalität, frühindu­stri­el­le Poesie. Schraube ist da nicht nur Schraube.

Doch, das kann ich verstehen. Mein Schwiegervater war Winzer und Bauer. Er las aber auch. Nicht viele Bücher, nein, aber die er gelesen hatte, kannte er nahezu aus­wendig. Immer wieder hatte er Zitate zur Hand. Auch beim Melken. Er pflegte, seinen Kühen den Tell auswendig herzusagen, ihnen von Gotthelf zu erzählen, sie im Winter unter aufmunternden Worten durch die Reben zu führen, damit sie mal ein wenig Son­ne sähen. Kuh ist da nicht nur Kuh.

Rainer W. Walter porträtiert in seinen Kurzgeschichten schrullige Einzelgänger und versponnene Individualisten. Buchat zieht auf dem Eiffelturm die Schrauben nach. Bei der Vielzahl der Besucher ist die Stahlkonstruktion ständigen Erschütterungen ausgesetzt. Das Fachwerk zittert, die Aufzüge rütteln, die Schrauben lockern sich. Täglich macht Buchat Kontrollgänge. Er liebt seinen Turm. Hundert Jahre nach der Französischen Revolution und zur Weltausstellung errichtet, war er für knapp vierzig Jahre das höchste Bauwerk der Welt. Jährlich besteigen ihn heute rund sieben Millio­nen Menschen. Da wird schon mal eine Schraube locker. Buchat hütet den Eiffel­turm. Er ist sein Leben.

Hat er selbst eine Schraube locker, wenn er mit seinen Schrauben spricht? Oder mein Schwiegervater, wenn er seinen Kühen beim Melken Schiller deklamiert? Sind diese Schrullen schräg? Oder gar liebenswürdig? Ist diese beinahe körperliche Ver­bun­denheit mit Schrauben und Kühen pervers? Oder gar verstehbar?

Walter schildert echte Individualisten. Nicht derjenige, der sich stilisiert, indem er den Stilisierungen seiner Zeit folgt, ist ein Individualist, vielmehr derjenige, der sich, ohne dabei an Stilisierung überhaupt zu denken, einer Passion hingibt. Er gewinnt seine In­dividualität, indem er auf sich selbst verzichtet, um sich hinzugeben. Buchat an den Eiffelturm und seine Schrauben, mein Schwiegervater an die Bücher und seine Kü­he, Carnegie an den Stahl und seine Brücken. Narzissmus macht nicht individuell, son­dern letztlich krank. Hingabe hingegen macht nicht reich, aber wirklich indivi­duell. So hat der reiche Carnegie aus Hingabe sein Geld in Stiftungen gesteckt: Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande. Das Motto eines echten Individualisten.

26.09.17