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140 Semadeni

Es sind immer die abwesenden Dinge, die so viel Platz einnehmen.

Leta Semadeni, Tamangur, 2015.

Im Roman der Bündnerin aus Scuol im Engadin, kurz und dicht geschrieben, la­ko­nisch und lyrisch zu lesen, sind es vor allem die abwesenden Dinge der Gross­mutter. Seit einem Jahr ist der Grossvater gestorben und nicht mehr da, vielmehr in Taman­gur, einer Fabelwelt in den Wolken über dem engen Tal. Es sind aber auch die Eltern des Kindes, aus dessen Sicht erzählt wird, die fortgezogen sind und ihr Kind bei der Grossmutter gelassen haben. Und es sind die Rei­sen der Grossmutter, von denen Stecknadeln auf einer Weltkarte erzählen, die in der Küche hängt. Mit Tamangur hat die Abwesenheit schlechthin dem ganzen Buch den lakonischen und lyrischen Titel gegeben.

Was da und nicht abwesend ist, verweist auf die karge und stille Schönheit des Un­ter­enga­dins. Auf die Einsamkeit der Dörfer oben am Berg, auf die Wildheit der Schluch­ten un­ten im Tal, auf das Geheimnis des Inns, der bis ins Schwarze Meer fliesst. Es ist die Welt des namenlosen Kindes, das mit seiner Grossmutter auf­wächst, wie sie um­geben von ein paar kantigen und schrulligen Berglern, von ihr ge­prägt in einer Welt einfacher Verrichtungen und schnörkelloser Notwendigkeiten, vor allem mit ihr unter­wegs in einer rei­chen Vielfalt fabelhafter Geschichten und tiefsinni­ger Sprüche.

Wie dieser einer ist. Über die abwesenden Dinge. Sie nehmen viel Platz ein. Der ab­wesende Grossvater ist sehr oft da. Die Länder der Ferne, die Grossmutter bereist hat, sind sehr oft nah. Gegenwärtiger und näher sogar als die Nachbarn und der Wei­ler. Die Erinnerungen an sie machen Grossmutter reich, und vom Reichtum ihrer Er­fah­rungen fallen Witz und Phantasie ab für das Kind, das alles aufsaugt und spei­chert und inte­griert in seine kleine, aber wachsende Kinderwelt. Grossmutter hat in ihrem Leben einen Geschichtenschatz geäufnet, einen thesaurus vitae, einen Hort. Glücklich das Kind, dessen Grossmutter einen solchen hat!

Dass Gegenwart reich ist, nicht durch sich selbst, sondern durch Vergangenheit, und Dasein lebt, nicht von sich selbst und vom Eigenen, sondern vom Wegsein des An­de­ren, das ist wohl die Weisheit der Landschaft. Ob die grosse Steppe, das wilde Meer oder das steile Gebirge, es sind die harten Landschaften, nicht die annehmli­chen Städte, in denen Erinnerung lebt und webt und weiterbebt: als Mär, Epos, Le­gen­de, als Spruch, Sentenz, Lebensweisheit. Glücklich das Volk, dessen Landschaf­ten leben!

Tamangur ist im Roman zwar der ewige Jagdgrund, in den Grossvater, ehemals ein Enga­di­ner Jäger, eingegangen ist. In der Vorstellung des Kindes liegt Tamangur oben auf der Höhe der Wolken. In der Realität des Engadins aber ist Tamangur eine be­son­de­re Flur: eine hochgelegene Landschaft aus Moor und Wald, ein Biotop mit dem grössten ge­schlos­senen Arvenbestand Europas, von der Mündung der Val Plazèr bis zur Zondra da Tamangur am Pass da Costainas auf 2‘251 Metern, der das Engadin mit der Val Müstair verbindet. Glücklich das Land, das solche Fluren hat?

Auch der Sinai oder die Negev sind harte Landschaften mit reichen Geschichten: von Mose beispielsweise, der das Land der Annehmlichkeiten nicht erlebt, aber als Abwe­sender, dessen Grab nicht einmal bekannt ist (Dt 34,6), so anwesend bleibt wie kaum ei­ner: Die ganze Tora haben sie dem Abwesenden zugeschrieben. Auch Golgatha ist eine harte Flur mit einer unglaublichen Geschichte: von Jesus, den seine Stadt abge­stossen hat, der aber weltweit so gegenwärtig ist wie kaum einer: Das ganze Neue Testament hat er, der grosse Abwesende, ausgelöst. Glücklich, wer Tamangur liest!

07.08.17