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139 Ecevit

Es wird etwas geschehn morgen / sichtbar am verhalten / der pferde auf wiesen / sichtbar an stürmenden wolken / am wühlen der maulwürfe in der erde // sichtbar am eifer der ameisen / es wird etwas geschehn morgen / vielleicht eine knospe / viel­leicht das fallende laub eines baums / vielleicht auch ein kind // gewahren wir auch nicht ganz das weite / sichtbar am flug der vögel / es wird etwas geschehn morgen / weniger wichtig als übermorgen / wichtiger als heute

Bülent Ecevit, Morgen, türkisch 1975.

1975, lese ich, seien im Nordosten Chinas Schlangen zu früh aus ihrem Winterschlaf erwacht, bevor die Stadt Haicheng wenige Tage später von einem Erdbeben heimge­sucht wurde.1976, lese ich, wären Mäuse im italienischen Friaul aus ihren Löchern ge­­kommen und hätten so vor dem Erdbeben gewarnt. 2004, lese ich, seien Elephan­ten auf Sri Lanka in höher gelegene Gebiete geflohen, bevor der Tsunami kam. 2008, lese ich, seien Hunderttausende von Erdkröten auf eine Wanderung gegangen, be­vor das Erdbeben im südwestchinesichen Mianyang begann. 2016, lese ich, hätten die Hunde geheult, und zwanzig Minuten später zerstörte ein Beben die italieni­sche Stadt Norcia.

Bei Bülent Ecevit sind es Pferde, Wolken, Maulwürfe, Ameisen und Vögel, aber auch eine Knospe oder fallendes Laub, sogar ein Kind. Überall sieht er Vorzeichen, ganz un­ten und ganz oben, bei Tieren und Pflanzen, im Wetter. Es wird etwas geschehn mor­gen, das ist orakelhaft in jeder der drei Strophen zu lesen, doch was? Genau das ist ja das Verrückte, dass jeder, haben Erdbeben, Tsunami, Vulkanausbruch erst mal stattgefunden, nachher also, gern bereit ist, die Vorzeichen auch als Vorzeichen zu neh­­men und sie keineswegs zu bezweifeln. Nachher werden Vorzeichen sogar wis­sen­schaft­lich anerkannt. Es gibt inzwischen eine Forschung dazu. Versicherungen sind inter­es­siert. Klar doch.

Aber vorher? Gewöhnlich sind es vorher eher Clowns, Narren, Sonderlinge, denen derlei zugetraut wird. Man nennt sie Seher, Wahrsager, Wetterschmöcker und grinst sich eins über derlei Hokuspokus. Allenfalls forscht da die Ethnologie. Versicherun­gen schweigen. Nicht der Dichter Ecevit, nicht die Prophetie, nicht die Bibel. Ganz oh­ne moderne Verhaltensforschung hat die Poesie eine Art Wissen entwickelt, die gelegentlich noch als Weisheit anerkannt wird, und zwar überall und jederzeit. Ecevit ist einer von ihnen. Poet und Prophet. Seher.

Nicht nur Naturbeobachtung ist es, die sehend macht, auch Welterfahrung: Dafür spricht vielleicht auch ein Kind. Täglich werden Kinder geboren. Die wenigsten von ih­nen werden wichtig, wie Erdbeben oder Tsunamis, Revolutionen oder Friedens­schlüs­se wichtig sind. Aber einige schon und nicht nur gefährliche und zerstöreri­sche, auch hoffnungsvolle und versöhnliche. Seht, die junge Frau ist schwanger, und sie gebiert einen Sohn. Und sie wird ihm den Namen Immanu-El geben. Dickmilch und Honig wird er essen, bis er versteht, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. (Jes 7,14-15) Diese Prophetie war wichtig und bleibt wichtig. Die Verwerfung des Bösen und die Erwählung des Guten bleibt eine unzerstörbare Möglichkeit der Hoffnung. Ob sie Mahdi heisst oder Jesus. Wie sie heute wichtiger ist als gestern, wird sie übermorgen wichtiger sein als morgen. Dieses Kind kommt.

Übrigens: Mustafa Bülent Ecevit sass vierunddreissig Jahre lang als Abgeordneter im türki­schen Parlament, war in den Jahren 1974-2001 fünfmal Ministerpräsident der tür­­kischen Regierung und überlebte acht Attentate. 2005 erschie­nen seine gesam­mel­ten Gedichte unter dem Titel Bir Şeyler Olacak Yarın, was auf Deutsch heisst: es wird etwas geschehn morgen ohne komma und punkt

31.07.17