Message

138 de Navarre

Puisque Dieu par pure grâce / M’a tiré à soy, / Et qu’en tous en toute place / Luy tout seul je voy, / Je suis remply de plaisir, / Veu que mon âme est s’amye. / Qu’il a d’Amour endormie; / Hé, laissez la dormir; Hé, laissez la dormir. // Da Gott aus rei­ner Gnade / Mich zu sich gezogen hat, / Und da ich in allem an jedem Ort / Ganz allein ihn nur betrachte, / Bin ich angefüllt mit Behagen, / so meine Seele seine Geliebte ist. / Da er sie vor Liebe einschlafen liess; / He, lasst sie schlafen; He, lasst sie schlafen.

Marguerite de Navarre, Chansons Spirituelles, altfranzösisch 1547.

Gottesminne. Die Königin von Navarra, reformierte Schwester des sehr katholischen Kö­nigs von Frankreich, ist verliebt. Nicht in den König von Navarra, mit dem sie eine Tochter hat, Jeanne d’Albret, die Navarra offiziell für reformiert erklären wird, wenn die Hugenottenkriege ausbrechen, nein, Marguerite, die auch Grossmutter Heinrichs IV. wird, ist in Gott ver­liebt. Gottesminne.

Reformerotik. Vom französischen Reformator Lefèvre d’Etaples, den sie an ihrem Hof in Pau ver­steckt wie auch Calvin und Rabelais, lernt sie, dass Gott Menschen an­zieht wie ein Liebhaber, nämlich aus reiner Gnade, was ebenso erotisch unverdor­be­nen Lieb­reiz meint wie theologisch das sola gratia eines Souveräns. Das ist ja ihre Welt, die hoch­ad­lige Welt derer von Valois: höfische Eleganz in Liebesdingen gepaart mit ab­so­lu­tem An­spruch in Machtfragen. Aus der Bibel, die sie sola scriptura liest, weiss sie, dass Liebe in ihrer berauschenden Kraft unteilbar dieselbe ist und also die spiri­tuelle Beziehung der gläubigen Seele zu ihrem attraktiven Gott jener der erotischen Minne gleichgestellt. Nächtlings und träu­merisch geschieht es: He lasst sie schlafen. Weckt nicht, stört nicht die Liebe, solange die Lust währt. He, lasst sie schlafen. (Hld 2,7) Re­formerotik.

Chanson 12 der 47 Chansons Spirituelles straft Klischees Lügen, die Reformierte gern über sich selbst und Presseleute gern über sie repetieren: Nein, Glaube ist und macht nicht unerotisch, nicht puritanisch, nicht lust- und lebensfremd. Puritanismus hat biblizistische Wurzeln und ist eine moralische Engführung. Nein, Spi­ritualität ist keine nachsäkulare Mode der Postmoderne, keine Erfindung kir­chen­fer­ner Gottsu­cher, keine altkatholische oder neubuddhistische Sonderleistung. Spiritualität hat bi­blische Wurzeln und ist eine fundamentale Glaubensäusserung. Angefüllt mit Beha­gen, das darf ich daher doppelsinnig verstehen: eher abstrahierend wie erfüllt von Freu­de und eher konkretisierend wie geladen mit Lust.

Warum? Weil von der Liebe wie vom Tod nur in Bildern geredet werden kann. Bereits die metaphorische Spiritualität des biblischen shir ha-shirim, was mit Canticum canti­co­rum oder Lied der Lieder zu übersetzen ist, hat diese Lie­bes­liedersammlung aus der hellenistischen Zeit in den biblischen Kanon gebracht: Nicht weil diese Liebeslyrik ausschliesslich ätherisch und kör­perlos zu ver­ste­hen wäre, kam sie in die Bibel, son­dern im Gegenteil: weil die Kraft, die in wirklicher Liebe am Werk ist, egal mit wem, im­mer göttlichen Ursprungs ist. So auch in der Wirkung des Hohenlieds auf den Min­nesang, so auch im Fortleben des Ho­hen­lieds in reformatorischer Spiritualität.

Reformerotik. Von ihren prominenten Asylanten hat Marguerite gelernt, dass spiri­tuel­le Liebe allein von Christus her und auf Christus hin zu denken ist. Umwege über Papst oder Bischof, Heilige oder Gurus sind unnötig, ablenkend, ja gefährlich. Heilige Liebe darf nur einer fordern. Die Kraft der Liebe ist es, die ausschliesst, nicht die Kraft der Moral oder des Gesetzes. Reformerotik.

Übrigens: 1559 publiziert Jeanne d’Albret das Heptaméron ihrer Mutter: eine Samm­lung von 72 erotischen Novellen im Stil von Boccaccios Decamerone. Puritanismus?

13.07.17