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137 Jaccottet

Toute couleur, toute vie / naît d’où le regard s’arrête // Alle Farbe, alles Leben ent­steht / wo der Blick einhält

Philippe Jaccottet, Oiseaux, Fleurs et Fruit, französisch 1967.

Einen grossen Bildband farbiger Photographien habe ich, der Mimikrys zeigt: Tiere, die sich verstecken, indem sie Farben und Formen ihrer Umgebung nachahmen. Manchmal liegt er offen auf dem Stehpult. Ich blättere jeden Morgen um und staune jedes Mal, wie verzögert mein Erkennen ist. Ich muss schon genau hinschau­en, um das Tier direkt vor meiner Nase zu erkennen.

Auf Safari gehe ich, wenn es sich anbietet: im Grasland, im Regenwald, in der Troc­kensteppe. Tiere gibt es jeweils zuhauf, nicht selten fast zum Greifen nah. Ich nehme meinen Feldstecher mit und staune jedes Mal, wie ich mehrere Tage brauche, bis ich so gut wie einer der Ranger die Ohrenspitze des Löwen im hohen Gras oder da bun­te Fröschlein im feuchten Blattgewirr erkenne.

Wo der Blick einhält, entsteht Leben. Wenn er denn einzuhalten weiss, der Blick, sich Zeit lässt, der Blick, ruht. Wenn er weder starrt noch stiert, weder flattert noch schweift. Einhalt. Welch schönes Wort! Geeignet, das Wort Meditation angemessen wie­der­­zugeben: Einhalt. In ihm wird Leben erkennbar und einsichtig. Ich erkenne es, und es wird mir sichtbar, und ich sehe es ein.

Philippe Jaccottet geht aber noch weiter. Nicht nur gibt das Erblickte sich mir zu er­ken­­nen, sondern ich gebäre es geradezu durch mein Blicken. Mein Blick gebiert Le­ben. Unerblickt ist es tot für mich. Teil von Materie, die ich sehe, gewiss, aber unbe­seelt und odemlos.

Kunst kennt dies: Dass sich dem Maler mitteilt, was er gerade malt. Dass der Bild­hau­erin erwächst, was sie gerade formt. Dass der Dichterin zufliegt, was sie gerade schreibt. Raum entsteht, indem ich ihn betrete und gestalte, Musik, indem ich sie er­höre und belausche, Architektur, indem ich sie begehe und ermesse. Ohne meine Wahrnehmung und Empfindung ist dies alles nichts. Mit ihr aber ist Kunst mehr als Handfertigkeit und Nachahmung. Mit meiner Beteiligung wird sie Poiesis. Sie braucht mich, um Kunst zu sein. Sie braucht meinen Einhalt.

Glaube kennt dies: Dass sich mir zu erkennen gibt, was ich gerade anrufe. Dass mich anspricht, was ich gerade lese. Dass mich unbedingt angeht, wonach ich mich gerade sehne. Gebet entsteht, indem ich gehört werde, Choral, indem ich in einen hö­heren Chor einstimme, Gottesdienst, indem sein Wort mich packt, mich mir nimmt und anders wiedergibt. Ohne meine Wahrnehmung und Empfindung ist dies alles nichts. Mit ihr aber ist Glaube mehr als Frömmigkeit und Gehorsam. Mit meiner Be­tei­ligung wird er Poiesis. Er braucht mich, um Glaube zu sein. Er braucht meinen Ein­halt.

Blickend gebiert der Blick das Erblickte, macht es sich aber nicht verfügbar. Er ist nicht hap­tisch, sondern macht das Erschaffene unberührbar. Er formt und färbt, ohne zu besit­zen. Einhalt nimmt sich nur Zeit, sonst nichts. Dem Blick widerfährt es, ohne dass er will, ja mit reinem Wollen bliebe er blind. Alle Farbe, alles Leben. Jaccottet ist steil. In dieser Steilheit wird auch die Widerlegung des religionskritischen Arguments denkbar, nicht Gott bilde den Menschen nach seinem Bild, sondern der Mensch bilde sich Gott nach seinem Bild. Gott als Einbildung des Menschen. Ja, sagt der Einhalt, genau so ist es, aber nicht als dein Wille, sondern als dein Widerfahrnis. Gott gibt sich dir zu erkennen. Und plötzlich erkennst du ihn. Wie den Schmetterling trotz sei­nem Mimikry, wie den Löwen im Grasland an seiner Ohrenspitze. Plötzlich lebst du, und deine Welt wird farbig.

27.07.17