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135 Germain

Unlängst ist einer der Schwarzen verrückt geworden. Fünf seiner Kameraden, die eine Granate in die Luft geschleudert hatte, fielen, in Stücke gerissen, in seinem Um­kreis nieder. Da hat er sich zwischen diese Überreste von Leibern gesetzt und hat zu singen begonnen. Zu singen, wie sie bei ihnen zu Hause singen. Dann hat er sich entkleidet. Er hat sein Gewehr fortgeworfen, seinen Helm, und sich die Kleider herun­tergerissen. Er hat sich völlig nackt ausgezogen. Und dort in dem Kreis, den seine zerfetzten Kameraden bildeten, hat er angefangen zu tanzen. Ich glaube, die Boches auf der anderen Seite waren genauso überrascht wie wir. Das hat so lange gedauert. Es schneite. Da waren manche im Schützengraben, die weinten über das, was sie sahen.

Sylvie Germain, Das Buch der Nächte, französisch 1981.

Ein wahnsinniges Bild, das Sylvie Germain hier zeichnet, eine unglaubliche Szene. Die das ganze Grauen des Ersten Weltkriegs erfasst. Die für unvorstellbare Material­schlach­ten steht. Die den Untergang alles Menschlichen beschreibt. Ein Bild des Wahn­­sinns, das an Goyas Desastres de la Guerra erinnert.

Grössere Kontraste sind kaum denkbar: Der schwarze Körper im weissen Schnee. Ein schöner Körper, wie Germain betont, nun unter zerfetzten Leichen. Das Lied der Hei­mat im Schlachtlärm der Fremde. Ein schöner Gesang, wie sie nochmals hervor­hebt, nun im Tumult der Kanonen. Der afrikanische Tanz im Schützengraben von Ver­dun. Ge­wiss auch er zum Verrücktwerden schön. Grössere Kontraste sind kaum denkbar. Schönheit und Entsetzen, Erotik und Horror, Anmut und Hass.

Das hat so lang gedauert. Der verrückte Afrikaner hat diese unaufhaltsame Kriegs­ma­­schine, diesen programmierten Horrorfilm angehalten. Ge­rade hat die Schlacht eine Auszeit. Der Krieg pausiert. Alle sind überrascht und hal­ten den Atem an, sogar die deut­schen Feinde. Ein wundersamer Spuk. Alle hören zu und schauen hin. Alle sind bei sich. Wie er. Die Zeit scheint stillzustehen. Wie in grauer Vorzeit bei der Schlacht von Gibeon, auch dort mit einem Lied: Sonne, steh still in Gibeon, / und Mond, im Tal von Ajjalon. / Und die Sonne stand still, / und der Mond blieb stehen. (Jos 10,12-13) Ein paar Takte lang war es und ein paar Schritte weit, als gäbe es Zeit in der Zeit und als würde wahr, was im Krieg nicht wahr sein darf. Eine heilige Weile lang. Aber nein, die Erde hat nicht aufgehört, sich zu drehen, und es fand sich ein Schweinehund, der das Herz hatte, den langen Schwarzen umzule­gen.

Ist der Schwarze verrückt geworden? Eher nicht. Eher spürt er die Ausweglosigkeit, die Schonung des Zufalls, die Nähe des Todes. Eher kehrt er in seine Heimat zurück  und singt die Gesänge, die sie dort eine Woche lang einem Toten singen, und tanzt die Tänze, mit denen sein Dorf seine Toten auf deren letztem Weg begleitet. Eher bricht er zur Wärme und Nacktheit seiner Kindheit auf, zu den Ahnen, die ihn einst geboren haben und zu denen er nun heimkehren wird. Eher tanzt er sich stark und schwarz und schön, tanzt er sich aufrecht in seinen Tod, in seinen eigenen Tod, frei und schlank und gross.

Und manche waren da, die weinten über das, was sie sahen. Warum? Weil die hei­li­ge Weile, die plötzlich eintrat, sie, die so entsetzlich ausser sich waren, zu sich brach­te, zum verletzten Kind, zum verängstigten Knaben, zum verzweifelten Vater? Oder weil Scham in ihnen aufstieg, in den Weissen, die fähig sind, sich derar­ti­ges Kriegsmateria­l zu erfinden und derartige Gemetzel zu liefern, aber zu schwach, der Unmenschlichkeit ein aufrechtes Ende zu setzen, wie dieser schwarze Mann es tat? Oder einfach, weil sie sahen, dass der Totentanz an ihnen nur einmal noch haar­scharf vorübergegangen war?

25.07.17