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134 Silhana

Was ist das, Einsicht ohne Mitleid? / Was ein Erlösungsweg, der anderen keine Hilfe ist? / Was soll das Recht, wenn es die Schädigung des Nächsten nicht beendet? / Und was ist heiliges Wissen, das nicht zum Frieden führt?

Silhana, Sanskrit, vor 1200.

Altindische Weisheit ist dies in vier rhetorischen Fragen. Vom Verfasser ist lediglich bekannt, dass er aus Kashmir stammte und in Bengalen lebte. Als Zeitraum der Ent­stehung kommen sogar vier Jahrhunderte in Frage. Geblieben ist nach mindestens achthundert Jah­ren nur die Aktualität seiner Fragen.

Einsicht ohne Mitleid: Wissen selbst ist kalt, Verstehen nüchtern, Einsicht trocken. Rei­­ne Intellektualität ohne Emotionalität bleibt seelenlos. Der Mensch als den­kende Maschine und die Maschine als künstliche Intelligenz mögen glänzend funk­tionieren, schaffen aber keine menschliche Welt. Nicht selten ist sogar das Gegenteil der Fall: Auch fa­schi­stische Systeme und Maschinerien sprühen geradezu vor kalter Intelli­genz. Auch Plan­­städte, die ohne Bürgerbeteiligung am Reissbrett entstehen, bleiben kalt und menschenleer. Auch Wissenschaft kann seelenlos sein. Mitleid hingegen bringt die Dimension der Anderen ins Spiel.

Erlösung ohne Hilfe: Der Erlösungsweg gehört ins hinduistisch-buddhistische Um­feld des Dichters. Der Mensch sucht religiöse Einsicht, um durch Übung seinen Weg zur Erlö­sung zu ge­hen. Auch diese Einsicht bleibt, wenn sie bei sich bleibt, folgenlos. Der religiöse Ein­­zelgänger wird zum Irrläufer und rettet nicht mal sich selbst. Der fun­da­mentalisti­sche Stosstrupp stösst alles um und sich selbst in religiöse Leere, denn Religi­on, die Gewalt als Mittel zum Guten verherrlicht, gibt es nicht. Wege, auf denen religiös legitimierte Leichen liegen, sind keine Erlösungswege. Hilfe hingegen bringt die Dimension der Anderen ins Spiel.

Recht ohne Wiedergutmachung: Höchstes Recht kann auch höchstes Unrecht bewir­ken, summum ius summa iniuria. Schützt es die Privilegien von Wenigen, die Macht von Autokraten, das System von Ausbeutern, so mag es zwar legal entstanden sein, ist aber gewiss niemals legitim in seiner Anwendung. Recht, das partikular orientiert ist und nicht am Nachbarn, ob er im Inland wohnt oder im Ausland, bleibt stets Un­recht. Die Folgen lasten nicht selten auf mehreren Generationen. Wiedergutmachung hingegen bringt die Dimension der Anderen ins Spiel.

Glaube ohne Frieden: Heiliges Wissen bedeutet wohl, was in christlicher Theologie fi­des quae bedeutet, Wissen über die Vielfalt der Glaubensgegenstände. Wenn das Hei­lige systemisch wird, entstehen Schule, Dogmatik, Tradition. Auch für sie nennt der Dichter ein Kriterium, das von aussen kommt und über das Eigenleben der religi­ö­sen Institution hinausgeht. Mit ihm wird sie öffentlich und belangvoll, auch poli­tisch. Heiliges Wissen ohne dieses Kriterium ist politisch missbrauchbar. Frieden hingegen bringt die Dimension der Anderen ins Spiel.

Silhana fragt, ob das Gute dann bereits gut ist, wenn es dem Subjekt, das es kennt und übt, zugute kommt. Oder ob es seine wirkliche Güte erst dann erreicht, wenn es auch dem Anderen, der es vielleicht weder kennt noch übt, zugute kommt. Die rheto­rische An­lage der Fragen plädiert viermal für das Zweite: für Öffnung nach aussen, für Öffentlichkeit des Religiösen, für Gemeinsinn des religiös Guten. Die Antwort, die ungesagt in der Luft liegt, heisst jedesmal: Ungenügend! Einsicht und Erlösung, Recht und Glaube bleiben ungenügend, solange sie nur dem zugute kommen, der sie hat. Religion ist keine Privatsache. Erst als Gemeingut sind ihre Güter wirklich gut. Heute wie damals.

24.07.17