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133 El Hor

Sie sehnen sich nach dem Urwald, wo sie bestimmt sind, über tausend Gefahren zu blü­hen. Wo die Luft, feuchtglühend und mit Inbrunst beladen, ihren Geruch begreift. Wo schillernde, giftige Insekten sie besuchen. Wo sie Gefährtinnen der Schlangen sind. Wo sie in ihrer kurzen Blütezeit spüren, wie Leben und Tod, Entzücken und Grau­en sie umschwirrt. Wo sie des Nachts bei den Klagelauten und dem hungrigen Gebrüll der Tiere regungslos leuchten. Wo am Tag Papageien und Affen zetern und – von allen Todesmöglichkeiten umlauert – sorglose Kolibris mit langem, spitzem, deli­katem Schnabel den Honig zu finden wissen, der in ihren tiefen Kelchen wartet. / Und im Schaufenster langweilen sie sich entsetzlich.

El Hor, Orchideen, 1913.

Niemand weiss, wer die Frau ist, die vor dem Ersten Weltkrieg als El Hor und nach ihm als El Ha gegen hundert Stücke publiziert hat, allesamt Kurzprosa, viele wie die­ses Poèmes en Prose. Geheimnisvoll wie die Autorin, die vielleicht in Wien gelebt hat, ist auch ihre Poesie, die sich dem Exotischen, Trivialen, Sinistren zuwendet. Ge­heimnisvolle Wesen haben sie angezogen, wie ein nächtliches Licht bizarre Insek­ten um sich schart.

Wäre da kein Titel, man käme vielleicht auf die Nymphen der griechischen My­tholo­gie, auf Na­ja­den, die an Quellen und in Sümpfen leben und gefährlich werden, wenn man sie eifersüchtig macht, auf Dryaden, die in Bäu­men und Sträu­chern hausen und rachsüchtig werden, wenn man sie fällen will, an Ple­jaden, die mit der Göttin Artemis durch Wälder und Felder schweifen, bevor sie als Vögel davonflatterten und als Sie­bengestirn in den Himmel kommen. Man käme auf Wesen zwischen Pflanze und Tier, Frau und Mann, Gott und Mensch, auf androgyne Mischwesen, lustvolle Zwitter, brünstige Übergänger. Man wäre in einer belebten Anderswelt.

Zwei Hauptsätze rahmen diese Welt, die nur in der Sehnsucht existiert und in sieben Nebensätzen lebendig wird wie ein Tagtraum: Orchideen blühen, duften, schlingen, leuchten über tausend Gefah­ren, werden bei allen Todesmöglichkeiten begriffen, be­sucht, umschwirrt, umlauert. Umgeben von Leben und Tod, Entzücken und Grauen, Honig und Gift, sind sie Teil einer ebenso brünstigen wie ge­fräs­sigen Welt, Teil des fascinosum et tremendum, Teil des Urwalds. Die Sehnsucht der sieben Nebensätze aber ist hier gefangen von der Banalität der beiden Hauptsätze: Sie sehnen sich nach dem Urwald. Und im Schaufenster langweilen sie sich ent­setz­lich.

Sehnsucht und Langeweile stehen einander gegenüber wie Tagtraum und Ernüch­te­rung. Eigenwelt, die ist, wie sie ist, entpuppt sich als Schaufenster. Anders­welt, die wäre, wie sie wäre, ist darin eingesperrt: Schaustück im Schaufenster, Tro­phäe im Exotarium, Souvenir im Kuriositätenkabinett. Langeweile kennzeichnet die Eigenwelt. 1913 war das noch ein Nachklang des Symbolismus, der sich die Welt in Salons und Kam­mern selbst erschuf, um sich in ihnen zu langweilen inmitten toter, aufgespiess­ter, sorgfältig prä­­parierter Schönheit. L’ennui hiess sie damals, die kultivierte Lange­weile. 2013 war das der kommerzialisierte Exotismus, millionenfach gezüchtet, die asi­atische Phalaenopsis in endlosen Hybriden, samstags zu Sonderpreisen bei der Kasse des Supermarkts, der exotische Nachtfalter im kleinbürgerlichen Blumenfen­ster. Preisgünstige Langeweile als Grundzustand menschlicher Existenz.

Entscheidend ist aber das letzte Wort dieses Poème en Prose: Entsetzlich. Wo nichts passiert, weil alles domestiziert ist, im Schaufenster, da haust das wirkliche Entset­zen: Existenz in ihrer langen Weile, von sich selbst ent-setzt und niemals bei sich, wäh­­rend nur in ihrer Sehnsucht Eigentliches geschieht, aber hinter der Scheibe, an­derswo.

21.07.17