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132 Chul-Han

So gehört zum Schönen auch die Negativität des Überwältigenden. Das Schöne geht weit über das Wohlgefallen hinaus.

Byung Chul-Han, Die Errettung des Schönen, 2015.

Damit wird er einsam bleiben, der koreanische Philosoph aus Berlin. Einsam in der Welt des Glatten, wo jeder Widerstand abgeschliffen wird, ausgewaschen und weg­po­­­liert. Für die Welt der freien Fahrt. Einsam in der Welt des Gefälligen, wo Likes und Dis­­likes den Wert von Din­gen, Menschen und Situationen bestimmen. Für die Welt der Coolen und Hippen. Ein­sam in der Welt des Verzehrbaren, wo alles, auch Spiri­tualität, Po­litik, Kultur, Kunst zu handlicher fingerfood portioniert wird. Für die Welt grenzenlosen Kon­sums. Da wird er einsam bleiben, der antizyklische Prophet der Kul­tur.

Mind the gap! Der allerer­ste Satz seiner Essays stellt es bereits hin: Das Glatte ist die Signatur der Gegenwart. Nicht das Schroffe und Schrundige, nicht das Spröde, nicht das Unpolierte und Ungeschmirgelte, nicht das Überwältigende. Nein, schein­hei­­li­ge Spal­tenlosigkeit, widerspruchsfreie Abgerundetheit, entschärfte Standard­aben­teuer kennzeichnen die Gegenwart, der allabendliche Mord bei Bier und Erd­nüs­sen.

Mind the gap! Man liebe, sagt Han, das Glatte, Positive, Widerspruchsfreie, zahle viel für Nahtlo­ses, Bruchloses, Widerstandsloses. Man suche, was gefällt, und verwerfe, was ver­letzt. Man wolle, was entspannt, und entsorge, was belastet. Auch Kunst wer­de damit befreit, nämlich von jeder Tiefe, jeder Untiefe, jedem Tiefsinn. Aber die vom Rost gereinigte Brücke und die von Rissen gereinigte Leinwand, die von Narben ge­rei­nigte Haut und das von Tränen gerei­nig­­te Gesicht, kurz: das vom Vergänglichen ge­reinigte Le­ben ist vielleicht eine seichte Weile lang like und hip und fun, aber es ist nicht das wahre Leben, und niemals ist es in der tiefen Wahrheit des Wortes schön. Ge­schontes und Geschöntes sind nicht wahr. Säuberungen lügen immer.

Warum? Weil das Schöne mit Rainer Maria Rilke nichts als des Schrecklichen An­fang ist, den wir noch grade ertragen. Oder mit Byung-Chul Han: Das Schöne ist das gerade noch erträgliche Unerträgliche. Oder in meinen Worten: Das wahrhaft Schöne ist göttlich. Gott umfasst auf kaum erträgliche Weise das Weiche und das Schroffe, das Offenbare und das Verborgene, das Runde und das Bizarre. Die Schroffheit Got­tes am Kreuz ist schön, weil sie die Liebenswürdigkeit des Auferstandenen birgt, die Klarheit des österlichen Gotts, weil sie die Male des karfreitäglichen zeigt. Das Schö­ne um­fasst Reinheit und Makel, Erhabenes und Ekel. Es transzendiert und macht Transzendentes sichtbar. Es gefällt nicht, sondern verweist. Es schillert.

Warum? Weil das Positive bedingt ist durch die Negativität des Überwältigenden, die Wahrnehmung des Wahren durch die Erfahrung des Exzess, die Kraft des Lebens durch die Reibung des Todes. Der reibungslose Gott verkommt zum Kitsch von De­vo­ti­o­nalien. Der erfahrungslose Gott bleibt unzugänglich. Der überwältigende Gott hin­­­gegen nährt das Schöne, den Glauben, die Hingabe. Spiritualität, Politik, Kultur, Kunst werden plötzlich widerständig, wertvoll, tief. Die seichte Weile bricht ab und stürzt jäh in einen Spalt. A mindful gap! Leer Geliktes füllt sich, schlaff Gestyltes schreit dazwischen, tot Gesäubertes zeigt Kanten und Ecken. Von Gott überwältigt humpelt das traumhaft schöne Model davon, die Hand auf der schmerzenden Hüfte, aber von nun an mit Geschlecht und Geschichte (Gen 32,23-33). A mindful gap!

Wer bei der Lektüre dieser Essays nicht fromm wird, fromm wie Jakob am Jabbok, dem ist nicht mehr zu helfen. Mögen viele sie lesen, damit er nicht einsam bleibe, der koreanische Philosoph aus Berlin.

17.07.17