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131 Ortheil

Erst im rechten Querschiff, ganz in der Nähe der Vierung, knieten wir uns in eine Bank, und mein Blick schoss wieder hinauf in das hohe Gewölbe über dem Haupt-altar, wo es eine winzige, helle Öffnung gab, durch die das Sonnenlicht hineinströmen konnte. Ich glaube nicht, dass jemand sonst diese Öffnung bemerkte, sie war eines der vielen Details, wie sie nur Kindern auffallen, ein winziges, kreisrundes, helles, das Sonnenlicht einatmendes Loch, das Schlupfloch des grossen Gottes, der in diesem Dom sein eigentliches Haus und in die kleineren Kirchen seine Stellvertreter, seine Jünger und Heilige, vor allem aber die Gottesmutter geschickt hatte, damit sie einen vorbereiteten für das Schwierigste, dafür, seine Grösse zu ertragen und vor ihm zu bestehen.

Hanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des Lebens, 2009.

Sonntäglicher Kirchgang. Ein Kind im Kölner Dom. An der sicheren Hand des Vaters. Hanns-Josef Ortheil be­schreibt einen Bu­ben, des­­sen Mutter verstummt ist, nachdem vier von fünf Söhnen im Krieg gestorben sind. Der ein­zig verbliebene, auf dem nun al­­­le Zuwendung der Eltern ruht, ist stumm wie seine Mutter und fromm wie sein Va­ter. Seine Fähigkeiten, sich eigene Welten vor­zu­stel­len und fremde zu er­schlies­sen, sind durch diese Be­son­­derheiten al­lerdings nur ge­schärft. Der Dom ist eine solche fremde und eigene Welt.

Fremd für das Kind ist seine schiere Höhe. Gleich nach dem Portal zieht sie die Kin­der­augen nach oben. Bündelpfeilern und Lanzettfenstern folgend klettern sie in uner­reichbare Höhen. Fremd ist der Geruch nach altem, feuchtem Stein, gemischt mit ab­gestandenem Weihrauch. Ein leicht modriger Atem streift durch die Schiffe. Fremd ist dem Jungen auch die Ansammlung geheimnisvoll schweigender Menschen.

Eigen wird die fremde Welt durch Wiederholung. Der Junge weiss inzwischen, dass Mutter gleich nach dem Eintreten langsamer wird. An der Vierung warten er und Va­ter auf sie. Er weiss, sich in eine Bank zu knieen. Vor allem kennt er die winzige, hel­le Öff­nung, durch die Licht in den Dämmer fällt, vielleicht ein Überbleibsel von über siebzig Treffern im Krieg. Vor allem die­se Unregelmässigkeit im gotischen Gewölbe ist es, die bewirkt, dass er sich den unheimlichen Raum heimlich an­eignet.

Kindertheologie. Die Fremde des monströsen Baus hat ihn zu seiner eigenen Legen­de geführt. Er erkennt die Wunde im Bau als Schlupfloch des grossen Gottes. Wie das Kamel durchs Nadelöhr oder der Geist aus der Flasche schlüpft der grosse Gott durch diese kleine Öffnung. Im Unterschied zum Dschinn, der in die Flasche ver­bannt ist und raus will, will Gott rein, denn dies ist sein Haus. Im Unterschied zum Rei­chen, der nie durchkommt, kommt Gott jeden Sonntag durch. Der Schaden im Ge­wölbe be­antwortet dem Jungen die Frage, wie Gott, der ja oben ist und überall, in sein Haus kommt, wenn unten das Portal von Menschen verstellt ist.

Kindertheologie. Narrative Aneignung des Gehörten und Gesehenen bringt den Jun­gen zur fundamentalen Fra­ge, warum der Grosse sich regelmäs­sig durch das kleine Loch zwängt. Die überraschende Antwort erklärt den Sinn des Got­­tesdienstes: Er ist die regelmässige Vorbereitung für das Schwierigste, dafür, seine Grösse zu ertragen und vor ihm zu bestehen. Vor der kabod Jhwh, der do­xa theou, der maiestas Domini muss der Mensch verstummen wie Zacharias (Lk 1,5-22) oder erblinden wie Paulus (Apg 9,3-9) oder durchdrehen wie Schillers Jüngling in Sais. Gott selbst macht sich, den Unerträglichen, aber erträglich, und den Menschen, den Unbeständigen, macht er beständig: Das ist sein Dienst am Menschen. Durchs kleine Schlupfloch. Also nicht durch die schiere Pracht dieses Baus, sondern durch einen Schaden im Dach.

17.07.17