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130 Ihimaera

Der Mann drehte sich um. Er hob noch die Arme, als versuche er, sich zu verteidi­gen, da krachte die vordere Stossstange schon knirschend in seine Beine. Er wurde in die Windschutzscheibe geschleudert, die in tausend Stücke zerbarst. Jeff bremste. Die Glasscherben waren plötzlich voller Blut. Ich sah, wie ein menschlicher Körper zehn Meter weit fortgeschleudert wurde und auf der Strasse aufschlug. Im Dunst und im Licht der Scheinwerfer bewegte sich der Körper. Clara schrie. „Oh mein Gott“, stöhn­te Tom. / Ich wollte aussteigen. Clara kreischte. „Nein, nein! Sein Stamm kann je­de Sekunde über uns herfallen! Aus Rache, sie könnten sich an uns rächen. Es ist ja nur ein Eingeborener.“

Witi Ihimaera, Whalerider; englisch 1987.

Unfall. Sie fahren nachts. Am Strassenrand geht ein Mann und wird übersehen. Ein Horrorunfall, wie ihn kein Autofahrer erleben möchte. Jeff, der Fahrer, ist ver­stummt. Tom, der Beifahrer, ent­setzt. Clara, die Beifahrerin, sofort voll ganz anderer Ängste. Der Er­zähler aber, der alles miterlebt, will aussteigen und hel­fen. Unfall.

Unfallfolgen. Das Land, in dem dies passiert, ist Papua-Neuguinea. Tom ist der Be­­sitzer einer Kaffeeplantage und Jeff sein Sohn. Alle drei sind Engländer, die nach der Kolonialzeit geblieben sind. Der Erzähler aber, Witi Ihimaera, ist ein Maori aus Neu­seeland. Er hat sich in Sidney mit Jeff ange­freundet und nun bereits zwei Jahre auf dessen elterli­cher Kaffeeplantage verbracht. Er will aussteigen und helfen, doch die drei Weissen hindern ihn daran. Jeff fängt an zu heulen, startet den Motor und fährt weiter. Eine Freundschaft zerbricht. Unfallfolgen.

Unfallvorsorge. So etwas ist mir noch nicht passiert, nein. in Gedanken aber habe ich es schon durchge­­spielt. Nicht in Europa, nein, aber in Ländern wie Papua-Neugui­nea. Was ich tun würde: Überhaupt nachts Auto fahren? Unmarkierte Wege, un­ge­si­cherte Ränder, selbst in Siedlungen unbe­leuchtete Stras­sen. Menschen auf der fal­schen Seite unterwegs. Alte, Kinder, Mütter mit Waren und Kleinkindern. Plötzlich Kü­he, Schafe und Ziegen, ein streunender Hund. Unbeleuchtete Motor­rol­ler, Handkar­ren, Rik­schas. Plötzlich ein Dreckhaufen, ein Riesenloch, eine Garküche. In Gedan­ken alles schon durchgespielt. Nicht hier, nein, aber dort: Was ich tun würde, wenn ich jeman­den angefahren, verletzt, getötet hätte? Sofort die Fenster hochdrehen und die Türen verschliessen! Drin bleiben und auf die Polizei warten! Langsam weiterfah­ren, falls ein Mob entsteht, und sich melden bei der nächsten Polizeistation! Oder gar Un­fallflucht begehen, um der Lynchjustiz zu entgehen! Unfallvorsorge.

Es ist ja nur ein Eingeborener. Claras Satz liest sich wie die Rechtfertigung der Un­fall­­flucht. Giftig darin sind gleich drei Wörter: Es statt Er, Eingeborener statt Indigener, vor allem das entlarvende Füllwort nur. Drei Buchstaben nur, aber eine andere Welt. Die der Kolonialisten und Rassisten. Die der Erhabenen und Kultivierten. Die der Ge­bildeten und Besitzenden. Nur verkleinert und entwertet. Nur liegt auf der vertikalen Achse. Nur schafft ein Unten, wo der Überfahrene ja wegen des Unfalls schon ist. Soll er auch dort bleiben. Es ist ja nur ein Eingeborener.

Ausserdem war ich traurig, weil ein Mann, den ich für einen Freund gehalten hatte,, so mechanisch den Grundsätzen seiner Kultur folgte, schreibt Ihimaera. So mecha­nisch könnte das bei mir auch laufen, fürchte ich manchmal, wenn ich in einem Land wie Papua-Neuguinea bin, denn die Angst, der Rache eines lynchenden Mobs aus­ge­liefert zu sein, wäre real und gar nicht rassistisch. Das Pro­blem liegt in den Grund­sätzen: Fahre ich dort? Fahre ich nachts? Respektiere ich die Lebensweisen eines Lan­des? Bin ich einem indigenen Freund auch in Zerreissproben ein Freund? Im näch­sten Land wie Papua-Neuguinea will ich mich das fragen. Mal wieder.

11.07.17