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128 Dos Passos

Das kleine Mädchen bemerkt, dass wir über es reden. Es kommt unsicheren Schrit­tes zu uns herüber, in den Händen eine bemalte blecherne Bonboniere. Dann öffnet es sie, um uns den Inhalt zu zeigen. Lauter Zigarettenkippen. „Sie sammelt sie auf ..., das hat sie im Konzentrationslager gelernt,“ erklärt Mama mit einem mütterlichen Lä­cheln. „Es ist ihr grösster Schatz.“

John Dos Passos, Das Land des Fragebogens; amerikanisch 1945.

Ein Journalist im Auftrag des Magazins Life, ein Amerikaner im zerschlagenen Reich, sei­ne Re­por­tage in der Stunde Null. John Dos Passos bereist die monströse Ruinen­welt Frank­furts, in der eben gerade die Apokalypse lief. Aber auch die unzerstörte Fa­bel­welt nordhessischer Fachwerkdörfer, die schon vor Jahrhunderten von Breughel ge­­­malt worden waren. Dos Passos fängt Episoden ein, stehende Bilder wie dieses, Gen­­­rebilder.

Der Jeep hat in einer Kaserne gehalten, in der jetzt Amerikaner stationiert sind. Sie sit­zen in der Offiziersmesse, an deren Wänden noch die Devotionalien der Wehr­macht hängen. Auf Tischen, die mit weissem Leinen gedeckt sind, wird den Offizieren und ihren Gästen ein Mittagessen serviert. Das kleine Mädchen, das jeweils hinter der Wirtin den Raum betritt, ist zart und hat goldenes Haar wie die arische Margare­the in Paul Celans Todesfuge. Die Wirtin ist aber nicht seine Mama. Die ist wie sein Pa­­pa verschwunden. Die Weissrussin, die Zwangsarbeit leisten musste und nun, nach der Befreiung, als Mama der Amerikaner dieselbe Arbeit freiwillig tut, hat das kleine Mädchen gefunden und adoptiert, verlassen in einem geöffneten KZ. Nun klebt es ihr an den Fersen. Fremd an fremd.

Das Kind tut, was Kinder tun. Neugierig und zugleich scheu betrachtet es die frem­den Gäste. Mutig und zugleich unsicheren Schrittes kommt es ihnen näher. Es redet nicht. Aber es zeigt seinen grössten Schatz vor. Es tut, was Kinder tun. Der Schatz ist eine Bonbonnière aus Blech, nicht aus Glas oder Porzellan wie bei gutsituierten Leu­ten, dafür bemalt, vermutlich bunt und figürlich, wie Blechbüchsen auf Flohmärkten. Eine Hinterlassenschaft der verschwundenen Eltern? Ein Fundstück im Chaos des aufgelassenen Lagers? Jedenfalls eine Reminiszenz aus der Zeit des Grauens! Ein farbiger Lichtblick aus der Welt der Aussichtslosigkeit.

Doch was für ein Kontrast, als das kleine Mädchen, immer noch neugierig und stolz, die Bonbonnière öffnet! Kein Konfekt tritt zutage, keine Schleckerei, keine Bonbons. Eher zeigt das unschuldige Kind die Büchse der Pandora vor, die alle Übel der Welt enthält und deshalb verschlossen bleiben sollte. Doch es macht sie auf, und im Nu ist die Welt ein trostloser Ort, verwunschen und verworfen, geplagt. Zigarettenkippen, die von vergangenen Genüssen erzählen, von erloschenen Bränden, von verglühter Freude, erzählen hier vom kleinen savoir vivre, das im KZ gerade noch möglich war: vom einen wunderbaren Zug aus den unverbrannten Bröseln gesammelter Kippen. Das Mäd­chen hat es im Lager gelernt. Es ist noch immer gut im Sammeln. Noch im­mer stolz auf seine Menge. Noch immer im Lager.

Was für ein Genrebild! Dos Passos, ein abgehärteter Kriegsreporter, wird weich vor einem Kind, das nur tut, was Kinder tun. Es weiss es nicht anders, und ande­res hat es nicht vorzuzeigen. Eine Bonbonnière voller Kippen, ein bunter Lichtblick im Grau­en, das savoire vivre der Überlebenden. Ein zeitverlorenes Wesen ist es, zwischen Gestern und Morgen, aber mit golde­nem Haar. Fremd an fremd.

Womit spielen die Kinder von Aleppo? Was sammeln die Mädchen von Mossul? Was zeigt der kleine Junge im Mittelmeer seinen Rettern? Ist da einer, der über zeitverlo­re­ne Wesen Bericht erstattet? Und wem? Life?

30.06.17