Message

127 McEwan

My mum couldn’t bear to watch so she was sitting outside my room and I could hear her crying and I felt really sad. I don’t know when my dad turned up. I think I passed out for a while and when I came round they where both there by my bed – and they were both crying and I felt even sadder, for all of us for disobeying God. But this is the important thing, it took me a moment to realise that they were crying for JOY. They were so so happy, hugging me, and hugging each other and praising God and sobbing. I was feeling too weird and I didn’t work it out for a day or two. I didn’t even think about it. Then I did. Have your cake and eat it! I never understood that saying before, now I do.

Ian McEwan, The Children Act; englisch 2014.

This is the important thing. Die Stelle markiert die Peripetie des Romans, je­nen Mo­ment, wo die Spannungskurve ihren Kulminationspunkt erreicht und der Le­­ser Entla­stung erfährt. Er schreibt ihr einen Brief. Die wichtige Sache darin: In der er­zählten Zeit der Geschichte ist es die Sache eines Siebzehnjährigen, der an Leukä­mie er­krankt ist, wegen Nebenwirkungen zwei­­er Me­di­kamente Blutkonserven benö­tigt, die Fu­sionen aus Glaubensgründen aber verwei­gert. Er stirbt nun doch nicht. Sie hat ihn vom Bösen befreit. Dabei die andere, die auch eine wichtige Sache ist: In der erzäh­len­den Zeit des Schrift­stel­lers ist es die Sache einer Familienrichterin, die ihren ver­ant­­wor­tungsvollen Berufsalltag mit höchster Nüchternheit erfolgreich meistert, wäh­rend in ihren privaten Lebensumständen ihre eigene Gefühlswelt vor lauter Nüchtern­heit verkümmert. Sie hat ihn zum Guten befreit. Daran sterben beide. Am Ende des Romans, denn er hat einen zweiten Kulminationspunkt.

Am ersten Kulminationspunkt steht gross geschrieben JOY. Warum? Der Jugendli­che ist wie seine Eltern ein glühender Zeuge Jehovas. Die gan­ze Glut seiner Jugend gilt Gott. Er ist behind everything. Das ist aber nur scheinbar so. Die Richterin be­sucht den Todkranken im Spital. Sein Zustand droht zu kippen, wenn er nicht sofort eine Transfusion erhält. Einfühl­sam befragt sie ihn und ent­deckt hinter der religiösen Fassade seine Glut für das Leben und die Liebe. Musik, die sie schon beherrscht und er gerade übt, vereint sie jenseits von Buchstabe und Gesetz. Noch für den Abend hat sie das Ge­richt einberufen. Dort fällt sie das Urteil für das Leben, aber ge­gen den Willen des Jugendlichen und seiner Eltern. Am Morgen erhält er die rettende Blut­trans­fusion. Nun beschreibt er für sie den Moment, als er in den Tränen der El­tern nicht Verzweiflung sondern Freude erkennt. Aus disobeying God wird praising God. Die Richterin hat ihn vom Bösen befreit. Nun erkennt er, wie giftig die Religion seiner Eltern war, tödlich statt lebendig, zwanghaft. Die Liebe und das Leben sind sein Kuchenstück. Nun isst er es.

Den zweiten Kulminationspunkt markiert wie bei­läu­fig ein Kuss. Warum? Er, den sie befreit hat, hat sich im Moment seiner Befrei­ung in sie, die dreimal Ältere, verliebt. Er will sein Kuchenstück essen, sie ver­gisst für einen Augenblick ihre Nüchternheit und lässt sich zu einem Kuss hinreis­sen. Sie hat ihn zum Guten befreit. Er findet es in ihr. Schreibt Briefe, sucht sie auf, folgt ihr durch halb England. Die ganze Glut seiner Ju­gend gilt nun ihr. Sie aber weicht aus, antwortet nicht, schickt ihn weg. Wie beiläufig kommt eines Tages die Mittei­lung, der Jugendliche habe erneut Leukämie bekom­men und wieder die Transfusion verweigert. Zwangsläufig und grau­en­voll sei er am eigenen Blut erstickt. Sie weiss sofort, dass er ihretwegen Selbstmord begangen hat.

Glück ist keine juristische Form, sondern ein lebendiger Inhalt. Sie war für ihn der In­halt seines wiederge­won­­ne­nen Lebens. Have your cake and eat it! (Jes 22,13; 1Kor 15,32). Sein Kuchenstück war auf tragische Weise klein.

15.06.17