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126 Fink

Versteckt in unseren dunklen Wohnungen, die Gesichter an den vom Regen und von unseren eiligen Atemzügen beschlagenen Scheiben, schauten wir, die bis zum näch­ten Mal Geretteten, nach den Verurteilten aus, die auf dem Marktplatz standen, wo an Markttagen die Schausteller ihre Buden aufschlagen. In Viererreihen warteten sie auf den Befehl zum Abmarsch. / Und es regnete weiter. Es hatte geregnet, die ganze Nacht hindurch, die nun als Nacht der Alten in die Erinnerung der Überlebenden ein­ge­hen würde. Denn die dort in Vierreihen standen, waren alte und erschöpfte Men­schen, und viele von ihnen erreichten sicher nur mit Mühe das Ziel, die grüne Schlucht unweit der Bahnstation, wo früher ihre Enkel und unsere Kinder im Winter Schlitten fuhren.

Ida Fink, Eine Spanne Zeit; polnisch 1983.

Nein, diese Geschichte hat keinen Titel. Sie macht sprachlos. Stumm. Wie so viele der 29 Kurz­geschichten von Ida Fink. Eine von ihnen hat dem schmalen Band den Titel ge­geben: Eine Spanne Zeit, das ist die Frist zwischen der Einsperrung im Ghet­to und dem Abtransport ins Vernichtungslager. Der Holokaust liegt in der Luft, ist aber noch nicht da. Jeder ahnt ihn. Er riecht. Das jüdische Ghetto in der polnisch-galizi­schen Kleinstadt wird zum sinnlosen Warte­zimmer, und das Warten wird zur uner­träg­li­chen Folter. Ida Fink hat sie erlebt und überstanden. Sie konnte fliehen.

Sie beschreibt ihr Erleben in einfachen Sätzen. Sie übersteuert nichts, kommentiert nichts, unterstellt nichts. Nahezu alltägliche Bilder sind es, die sich in der kleinen Frist, die der Hor­­ror gerade noch lässt, verkehren: zu abgründigen Metaphern, zur Topographie des Grauens, zur dan­se macabre. Es regnet. Wie es halt so regnen kann. In Galizien wie sonstwo in Euro­pa. Doch dieser Regen ist der weinende Him­mel, der lamentable Abgesang der Hu­ma­nität, der tränenreiche Abschied Europas von einer grossen Kultur.

Das jüdische Ghetto ist zweigeteilt in Verurteilte, die draussen geduldig warten, in Vie­rer­rei­hen, wie Kinder beim Wandertag des Kindergartens, und in bis zum näch­sten Mal Gerettete, die drinnen verstohlen Ausschau halten, an die Fenster ge­drängt, wie Kinder beim Umzug einer Festparade. Die Scheiben sind beidseits feucht, vom Re­gen wie von eiligen Atemzügen. In ihnen mischen sich Angst, Unruhe, Ver­zweif­lung. Das Klima ist ungesund. Morbid.

Nicht etwa junge Menschen sind es, die hier auf ihren Abtransport warten, um noch ein­gesetzt und ausgebeutet zu werden. Nein, es ist die Nacht der Alten. Sie sollen auch nicht wirklich abtransportiert werden, um in die Gaskammern zu gehen. Nein, es sind alte und er­schöpfte Menschen. Sie warten auf ihren Todesmarsch. Als ob sie, die ohnehin bald sterben würden, nun forciert in ihren Tod getrieben werden müss­ten. Weg, weg mit dem! (Joh 19,15) Wie überaltertes Vieh, das nutz­los geworden ist und nur noch anderen das Heu wegfrisst.

Mit wenigen Farben zeichnet Ida Fink einen harten Kontrast. Die Verurteilten warten auf dem Marktplatz. Dort, wo gewöhnlich Obst und Gemüse verkauft werden, von dem man sich nährt. Dort, wo häufig Schausteller ihre Buden aufschlagen, um Junge und Alte zu belustigen. Aus der Fröhlichkeit der Szene wird ein Totentanz. Die Alten warten auf den Sensenmann. Verkehrte Welt. Wo sie hinmarschieren, zur grünen Schlucht, fand einst das winterliche Vergnügen des Stetls statt. Enkel und Kinder fuh­ren dort Schlitten. Nun ist dort das Tor zur Unterwelt, das Massengrab, der Orkus. Die stadtbekannte Szenerie ist verkehrt. Die Welt steht Kopf. Apokalyp­se.

Eine Spanne Zeit ist die Frist zwischen einer bekannten Welt, die verschwindet, und einer unbekannten Welt, die nie kommt.

30.06.17