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125 Faes

Rasch griff er zum Stift, schrieb, um in Wörtern festzuklammern, was entschwinden wollte, schrieb, als könne er nur im Schreiben zusammenhalten, was entglitt, als müs­se er sich zusammenkleben zu einem, der noch da war, Fahrten machte, von der Nacht in den Tag hinein, durch Strassen und Gärten, durch die Stockwerke, in die Tie­fe. Einer, der er sein könnte, der Wörter suchte, Sätze machte, einen Namen hatte und sich Namen gab, festhielt, was er sah, ein Fahrtenschreiber durch die Stadt, durch das Tal und die Erinnerung, durch Zeit und Dunkelheit, ein Fabelschreiber. Einer, der noch da war, wenn auch nur in Worten, an denen er ging wie an Krück­stöcken –

Urs Faes, Halt auf Verlangen, 2017.

Siebzehn Stationen mit dem Elfer. Planmässige siebenundzwanzig Minuten Fahrt. Tägliche Dämmerung in der Stras­sen­bahn. Stosszeit und Pendlerverkehr. Vierzig Do­­sen Strahlung an vierzig Ta­gen. Mit einer Überlebenschance von siebzig zu dreis­sig. Tägliches Ritual mit Ausziehen, Beschossenwerden, Anzie­hen. Täto­wierte Punk­te zur Justierung der Schüsse. Freund­­liche Schwe­stern. Siebzehn Stationen nach Hause. Herbst in Zürich. Urs Faes erzählt die Zeit sei­ner Krebs­therapie.

Die Fahrten mit der Strassenbahn lassen sei­ne Gedanken zum Vater schweifen, der einst eine Landbahn über die hei­mat­lic­hen Dörfer chauffiert hatte. Als Bub durfte er ihn im Führerstand begleiten. Die zunehmenden Asthmaanfälle des Vaters be­äng­stig­ten ihn, bis es zum folgenschwe­ren Zusammenstoss mit einem Fuhrwerk kam. Vielleicht, weil der Vater zu spät ge­bremst hatte, vielleicht wegen eines An­falls. Da­mals verlor er seinen Posten, zog sich zurück und wurde eigen. Einer, der gestorben war, obwohl er lebte.

Eine der Schwestern Abiszett lässt ihn zu den Frauen seines Lebens schwei­fen, die eine um die andere auftauchen aus der Erin­ne­­rung. Geschichten der Sehnsucht und des Scheiterns, bis nach dem vierzigsten Mal der Abschied von dieser einen Schwe­ster nahezu verschmilzt mit dem Abschied von der ersten grossen Liebe, die anderen nicht ge­nehm war, ein Abschied, der sein Leben überschattet hatte.

Halt auf Verlangen, diese Möglichkeit der Landbahn von einst, skandiert die Ab­folge der Kapitel, in denen sich Einst und Jetzt mischen und kontrastieren. Das Schwei­fen der Gedanken verlangt Einhalt. Faes‘ Roman ist ein Fahrtenbuch, wie der Vater einst eines zu führen hatte. Vierzig Tage der Bestrahlung werden zur Bi­lanz eines Lebens und seiner Beziehungen. Der Schriftsteller wird zum Fahrten­schrei­ber, der anstelle eines Apparats mit eigenen Worten bilanziert. Er schreibt fest, was auseinanderzu­fal­len droht, hält sich selbst immer wieder schreibend zusammen, um sich nicht zu ver­lieren. Dem drohenden Zerfall des Kör­pers, der schleichenden Zersetzung durch den Krebs, dem Zerfressenwerden und sich Auflösen setzt er sein Schreiben entgegen, seine Textur der Worte, seinen Na­men. Faes rekonstruiert sich durch Sprache. Vater und Freundin waren im Schweigen verschollen. Faes konstruiert sich aber auch, wäh­­rend er an Worten geht wie an Krückstöcken. Aus dem Fahrtenschreiber, der mi­nutiös dokumentiert, was wirklich ist, wird unvermittelt der Fabelschreiber, der phan­ta­stisch zeichnet, was mög­lich wäre.

Vierzig Tage Strahlentherapie. Mit einer Überlebenschance von siebzig zu dreissig. Die Flut der Urgeschichte währt vierzig Tage, bis das Böse weggeschwemmt und Neu­land in Sicht ist (Gen 7,17-24). Die frühen Stämme wandern vierzig Jahre in der Wüste, bis sie ins verheissene Land finden (Ex 16,35). Jesus übersteht vierzig Wü­stentage der Versuchung, bis das Böse ihn lässt (Mt 4,1-11). Wer eine Quaran­taine überlebt, weiss, wie nachher vieles anders ist als vorher. Siebzig zu dreissig.

22.05.2017