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124 Krall

Nur in der Erinnerung fühlen sie sich geborgen. Befreit aus den Bunkern, von der Dun­­kelheit und von der Angst. Sorglos sind sie. Gesprächig. Edel und gross von Wuchs. Ihr Tod ist zum Privileg geworden. So edel und gross, reich und schön wären sie nach keinem anderen Tod.

Hanna Krall, Die Anwesenheit; polnisch 1998.

Jüdin ist sie. Aus Warschau stammt sie. Das Ghetto von 1940 bis 1944 hat sie über­lebt. Auch den Aufstand vom 19. April bis 16. Mai 1943. Ihre Erzählungen widmen sich den Wenigen, den Überlebenden, den Davongekommenen. In deren Hirnen und Herzen leben aber auch die Toten, die Ausradierten, die Verschwundenen. Beide mi­schen sich in diesem Text: Abwesende und Anwesende, die Vielen, die es nicht mehr gibt, und die Glückhaften, die es ge­schafft haben. Wer sie sind, die sich geborgen füh­len, schillert hier: Fünf Sätze lang sind es die Überleben­den, zwei Sätze lang die Ermordeten. Zwei Zeiten fliessen in­ein­an­der: die Zeit derer, die sich er­innern, als wä­re ihre Überlebenszeit unerträglich, weil an­dere nicht wie sie überlebt haben, und die Zeit derer, die erinnert werden, als wäre ihr Ende noch nicht gekom­men, da sie ja be­freit sind.

Hebräisch sechor, lateinisch reminiscere, deutsch gedenke! Erinnerung ist hier ein dop­pel­ter Imperativ mit doppelter Richtung: einer an die Lebenden, der Toten zu ge­den­ken und so der eigenen kommenden Befreiung, und einer an die To­ten, ihres Er­mor­detseins zu gedenken und so ihrer eingetretenen Befreiung. Abwesenheit wird zur Anwesen­heit und Anwesenheit zur Abwesenheit. In gegenseitiger Erinne­rung trifft man sich.

Erinnerung bietet Bergung. Geschichte oder Gegenwart bergen offenbar nicht. Wa­rum? In der Erinne­rung tun sich nicht nur einmal, sondern immer wieder die Bunker auf, finden Dunkel­heit und Angst nicht nur einmal, sondern immer wieder ihr Ende. Be­freiung geschieht wie in einem Film, dessen entscheidende Sequenz sich in einer End­losschlaufe endlos wiederholt. Sorglos sind die Menschen dann statt gebückt und geduckt. Gesprächig statt ver­schlos­­sen und verängstigt. Edel und gross sind sie, reich und schön, Attribute, die ari­sche Her­renmenschen damals mit hochfahrender Rhetorik für sich reklamiert haben und die heute von der Wer­bung mit hochglänzen­den Prospekten der jeunesse dorée zuge­sprochen wird.

Der Tod als Privileg. Hanna Krall treibt die Erinnerung an den Tod im Warschauer Ghetto auf eine geradezu un­er­trägliche Spitze. Was das Leben damals nicht zu ge­währen vermochte, gewährte der Tod: Befreiung von einem unerträglichen Dasein. Diese Erfahrung wird auch den Überlebenden zum Privileg, die sich jetzt erinnern: Was das Leben heute nicht zu gewähren vermag, gewährt der Tod: Befreiung vom Druck, bei so vielen Toten überlebt zu haben. In gegenseitiger Erinnerung trifft man sich. Ohne Erinnerung wären beide, Erinnerte wie Erinnernde, ungeborgen.

Erinnerung und Gedenken. In der Bibel sind sie theologische Grundwörter. Gott ge­denkt seiner Zusagen an Menschen: Wenn ich nun Wolken heraufziehen lasse über der Erde und der Bogen in den Wolken erscheint, dann will ich mich meines Bundes erinnern, der zwischen mir und euch besteht und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und nie wieder wird das Wasser zur Sintflut werden, um alles Fleisch zu ver­der­ben. (Gen 9,14-15) Menschen gedenken ihrer Erfahrungen mit Gott: Mose sprach zum Volk: Gedenkt dieses Tages, an dem ihr aus Ägypten, aus seinem Sklavenhaus, ausgezogen seid, denn JHWH hat euch von dort herausgeführt mit starker Hand. (Ex 13,3) Gott rettet. Tote und Lebende. Die Toten aus der Flut des Holokaust, die Leben­den aus dem Druck des Davongekommenseins. Glücklich, wer sich erinnert!

22.05.17