Message

123 Villa

I unchurched Him and charged / Him manfully. // God is Alive now.

José Garcia Villa; Doveglion. Collected Poems; amerikanisch 1942.

In Manila geboren, war er ein New Yorker, seit er mit zweiundzwanzig ausgewandert war. Ein Dichter im multireligiösen Hexenkessel von Manhattan, war er so sehr der phi­lippinische Katholik geblieben, dass sie ihn Pope of Greenwich Village nann­ten. Ein exzentrischer Sprachalchemist der englischen Sprache, galt er als jener Poet, der den grössten Einfluss auf die Philippinen hatte. Ein Professor an amerikanischen Uni­­versitä­ten, war er auch der kulturelle Botschafter seiner Heimat in der Fremde. In New York be­graben, trug er als letztes Hemd einen Barong Tagálog.

Das kleine Stück Poesie stammt aus einem Gedicht des Zyklus Divine Poems. In ih­nen gerät auch Gott ins Sprachspiel. Bei der Dekonstruktion und Rekonstruktion der Wör­ter fällt auch das Wort Gott in die Sprachmühle. So sehr spielt der Poet mit dem Material der Sprache, dass streckenweise unklar ist, ob Gott gerade signifiant ist oder signifié, ein Fall in der Sprache oder jenseits von ihr, bezeichnendes Mittel oder bezeichneter Gegenstand. Die Grauzone, in der sich Bezeichnendes und Bezeichne­tes durchkreuzen und auf­lö­sen, wie sich auch Innen und Aussen verändern, Senden und Empfangen, Subjekt und Objekt, überhaupt alle Antagonismen und Dualismen, die scheinbar der Orientie­rung dienen, das Zwielicht des Sprachspiels, der Zwischen­bereich der Poesie, das Niemandsland des Grenzgängers lassen plötzlich Möglich­kei­ten aufblitzen und fun­keln, die zu denken geben.

Erster Gedanke: Gott unchurched. Geht das überhaupt? Ist Gott ohne Kirche Gott? Ist Kir­­che ohne Gott Kirche? Menschen, die sich von der Kirche abwenden, wer­­den heute dechurched genannt. Menschen, die nie etwas mit Kirche zu tun hatten, heis­sen heute unchurched. Aber Gott? Villa experimentiert und lässt die Möglichkeit den­ken, Gott könnte so erscheinen, als hätte er mit Kirche nie etwas zu tun gehabt. Ein von ihr unbeleckter Gott wäre er dann, nicht domestiziert und kodifiziert, nicht sediert und kontrolliert, auch nicht gepäppelt und gehätschelt, nicht instrumentalisiert. Die Kir­che aber wäre, statt seine Kirche zu sein, eine Instanz, die sich ihn angeeignet hät­­te. Gott un­churched: Ist das der enteignet gewesene Gott, der sich wieder zurück­gegeben ist?

Zweiter Gedanke: Gott manfully charged. Was soll das heissen? Das Wort charged verfügt über viele Bedeutungen. Von belastet wie ein Konto über aufgeladen wie eine Batterie bis zu verlangt wie eine Rechnung. Auch manfully schillert zwischen voll von Männlichkeit und voll von Menschlichkeit. Nachdem ihm etwas weggenom­men ist, die Kirche, kommt wieder etwas hinzu, nun der Mensch. Der Entkirchlichte wird ver­menschlicht. Ist er dann noch Gott? Im Sprachspiel der Wörter entsteht eine neue Be­deutung von Menschwerdung Gottes. Als hätte die Kirche Kreuz und Auferstehung zur Kirchwerdung Gottes umgenutzt. Als wäre der menschliche Gott zwar verspro­chen gewesen, der kirchliche Gott aber gekommen. Gott manfully charged: Ist das der evangelisch beschriebene Gott, der hier, nach der Götterdämmerung der Kirche, doch noch dort ankommt, wo er einst er­wartet wurde?

Dritter Gedanke: Gott Alive now. Erlebt der einst Auferstandene und inzwischen Tot­ge­sagte hier seine zweite Auferstehung? Wobei er nun nicht erst in den Köpfen eini­ger spätidealistischer Philo­sophen gestorben wäre, sondern längst vorher schon in den Verliessen kirchlicher Institutionen.

Möglichkeiten lässt Villa aufblitzen. Was auch immer da funkelt, Alive schreibt er gross.

15.05.17