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122 Rizal

In every instance I noted that a people’s prosperity or misery lay in direct proportion to its freedoms or its inhibitions and, along the same lines, to the sacrifice or selfish­ness of its ancestors. / Bei jeder Gelegenheit stellte ich fest, dass eines Volkes Ge­dei­­hen oder Elend in direktem Verhältnis stand zu seinen Freiheiten oder Beschrän­kungen und, denselben Spuren entlang, zur Aufopferung oder Eigensucht seiner Vor­fahren.

José Rizal, Noli me tangere; philippinisches Spanisch 1887.

Auf jedem Peso ist er abgebildet. In jeder Stadt hat er einen Park. Mit jedem Lehr­plan wird sein grosser Roman überliefert. Die nationale Identität der völkerreichen Phi­lippi­nen wird von einem Dichter gewährleistet: von José Pacienza Mercado y Ri­zal, der auch ein Wunderkind war, ein Augenarzt und ein Weltreisender. In zweiund­zwan­zig Sprachen konnte er sich verständigen. In sechs hat er korrespondiert. Sein Roman ist spanisch geschrieben und in Deutschland erschienen. So erfolgreich war er, dass die Kolonialmacht ihn am 30. Dezember 1896 standrechtlich erschies­sen liess. Seine Richtstätte bildet heute das Allerheiligste im Rizalpark von Manila.

Wunderkind, Dichter, Arzt. Sieben Jahre Wanderschaft, Verhaftung bei der Rückkehr in die Heimatstadt, mit 35 Jahren Opfer eines Justizmords: Wie Jesus in Palästina und Che Guevara auf Cuba ist Rizal auf den Philippinen Historie und Legende, Mär­ty­rer und Erlöser, Wahrheit und Ikone. Noli me tangere, ein Wort des soeben aufer­stand­enen Christus (Joh 20,17), gibt dem Roman einen geradezu prophetischen Ti­tel: Fass mich nicht an. Neun Jahre nach seinem Erscheinen ist sein Autor bereits zum Unberührbaren geworden, zum Nationalheiligen und Identitätsstifter.

Die Hauptfigur des Romans ist biographisch: Ein Filipino kehrt nach Lehr- und Wan­derjahren aus Europa zurück, um seinen Vater noch einmal zu sehen, sein Erbe an­zutreten und seine Jugendliebe zu heiraten. Nichts davon gelingt. Weil er alle wohl­mei­­nen­den Warnungen in den Wind schlägt, wird er im eigenen Land zum Fremdling. Rizal zeichnet minutiös die Theokratie der Franziskaner und Dominikaner, Augustiner und Jesuiten, die umso härter wurde, je schlaffer die Kolonialmacht Spa­niens an­ders­­­wo wurde. Das revolutionäre Potenzial des Romans haben die dekadenten Or­densoberen völlig richtig erkannt. Elf Jahre nach seinem Erscheinen und zwei Jahre nach der Hinrichtung seines Autors kam es zur Revolution.

Rizal tritt ein für bürgerliche Freiheiten und bekämpft autoritäre Beschränkungen. Da­mit zielt er auf die spanische Kolonialmacht. Zugleich tritt er ein für Aufopferung und zivilbürgerliches Engagement in der jungen Nation, aber gegen die Eigensucht und Partikularinteressen der Familienclans. Damit zielt er auf das Verhalten kollaborieren­der Filipinos. Für den ersten Teil, den spanischen, hat er sein Leben gelas­sen, aber er­folgreich, denn wenig später ist die dreihundertjährige Herrschaft der Fratres zu En­de. Für den zweiten Teil hingegen, den philippinischen, ist er vergeblich gestor­ben: trotz Porträts auf Münzen, Parks in Städten und Lek­tü­ren in Schulen wird das Land nach wie vor von Partikularinteressen verelendet: Eine kleine Menge philippi­ni­scher Grossgrundbesitzer und Unternehmer teilt die Macht unter sich auf und be­herrscht die grosse Mehrheit, die in Subsistenz und Tagelöhnerei, wenn nicht gar in Armut per­spektivelos vor sich hin lebt. Das System ist geblieben, seine Protagonisten sind ausgewechselt. Aus der selfishness der Brüder wurde die der Fa­milienclans. Imeldas Schuhe sprechen Bände. Im Strassenbild von heute sind es Autos mit schweren Mo­to­ren und Kin­der mit schwerer Adipositas. Noch immer bringt die Mas­se das sacri­fice. Im Stras­sen­bild sind es überfüllte Jeepneys und Tricycles, die Gefährte der Ma­ge­ren. Ri­zals Revolution ist noch nicht zu Ende.

15.05.17