Message

121 José

Es gab nicht einmal im Entfernten etwas Schönes oder Gefälliges fürs Auge an ihm, wie erhaben auch immer seine Gedanken und wie wohlklingend seine Worte waren. Gab es überhaupt einen grossen Plan, in den er hineinpasste? Hatte Gott ihn ver­schont, damit er länger leben und so Gottes Existenz beweisen würde? Gagamba! Ga­gamba! Du nichtsnutziger Narr, du hättest in diesen Trümmern begraben werden sollen, aber du bist noch immer da, um all jene zu verspotten, die vollkommene Glied­massen haben und bei deinem Anblick sagen könnten, dass du bist, wie du bist, und sahen, wie sie sein könnten.

Francisco Sionil José, Gagamba. Der Spinnenmann; philippinisches Englisch 1991.

Der Anlass des Romans ist historisch. Am Sonntag, dem 15. Juli 1990, erschütterte das stärkste bis dahin ge­mes­se­ne Erdbeben die philippinische Nordinsel Luzon. Ge­nau um ein Uhr Mittags war für vier Minuten die Hölle los. In Manila zeigte die Rich­ter­skala 7.8 an, am Nordrand der Millionenstadt über 8.0. Hänge stürzten ab, Stras­sen ver­schwan­den, ganze Landschaften änderten ihr Aussehen. Über 2400 Men­schen star­ben.

Die Geschichte ist fabuliert. Im Stadtteil Ermita, zu spanischen Kolonialzeiten wohl der Ort einer Einsiedelei, war ein Nobelrestaurant und Edelpuff zusammengekracht, das stadtbekannte Camarin, sinnigerweise mit Ankleidezimmer oder Heiligen­schrein zu über­setzen. Als einziges Gebäude im Quartier war es vom Beben total zer­legt wor­den. Alle Besucher, die gerade tafelten oder vögelten, waren tot, nur einer nicht: Gagamba, der Losverkäufer, in Tagálog, der Sprache der Indigenen, die Spinne. Er war mit verstümmelten Gliedmassen geboren worden und fuhr in einer Holzkiste auf Rädern. Zehn Kapitel über zehn wohlhabende und ein­fluss­reiche Leute, die ge­ra­de im Camarin waren, enden jeweils wenige Minuten vor eins. Das erste und das letzte aber gelten jenem verkrüppelten und armen Losver­käufer vor dem Portal, der auf den Spottnamen Gagamba hört. Am Schluss des Fabulierens stellt der Autor eine Frage und gibt auch gleich eine Ant­wort.

Die Frage erinnert mit Blick auf die katholischen Philippinen an die fromme Vorstel­lung vom göttli­chen Heilsplan, in dem alle Akteure eine Rolle spielen wie in einem hei­­ligen Theater: Gab es einen grossen Plan? War das höllische Beben die Strafe für gula und luxuria, für Völlerei und Wollust, für zwei der Sieben Todsün­den? Sollte das Über­leben des armen Gagamba den Beweis für die Existenz eines gerechten Gottes liefern, der die reichen, bigotten und moralbefreiten Stützen der philippinischen Ge­sell­schaft in nur vier Minuten begräbt?

Nein. Die Antwort beginnt mit der Ablehnung der alten Vorstellung. Auch Ga­gamba hätte in diesen Trümmern begraben werden sollen. Nein. Es ging Gott um kei­nen Got­­tesbeweis. Nein. Er braucht sich nicht selbst zu beweisen. Das Überleben Ga­gam­bas ist die Verspottung der Pharisäer. Er, der von Geburt an beschädigt und chan­cenlos ist, missfällig und unschön, ein Makel in den Augen der Reichen und Schö­nen, überlebt, um die Pharisäer, die stets wieder nachwachsen, zu verspotten, diejenigen, die ihn nur ansehen, um zu beten: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen bin. (Lk 18,11) Der immer schon Ausgestossene und Stigmati­sier­te, im Roman ein Losverkäufer und im Evangelium ein Zöllner, überlebt, um den Pharisä­ern, denen, die immer schon dazu gehören und drinnen sind, ihre Unmoral und Bi­got­­terie vorzuführen. Ganz so, als wollte Gott, statt sich selbst seine Göttlichkeit zu be­weisen, ihnen ihre Unmenschlichkeit zeigen. Ecce homo! Damit ihnen Gottes Ge­rechtigkeit in die Augen springe: Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden. (Lk 18,14) Seht diesen Menschen!

12.05.17