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120 Burkart

Das Wort aus dem Schweigen / hat eine Aura von Sprache, / die ihre Wurzeln / tiefer schickt. // Sein Echoraum Zeit. // Warten, bis es zurückkommt. // Weit ist es gegan­gen; / unter Tag zum Wasser, / darin sich einer erkennt. / Ein Passwort. / An Grenzen geprüft / half es weiter. // Der entkam, wird verstanden / an beiden Ufern.

Erika Burkart, Aus dem Schweigen; 1991.

Noch hermetischere Zeilen! Das Wort aus dem Schweigen wird nur beschrieben, aber nicht genannt. Seine Eigenschaften und Wirkungen werden erwähnt, das Wort selbst aber bleibt stumm. Es sagt sich nicht. Es schweigt sich aus. Es spricht keine lesbaren Bände.

Unbuchstabierbar ist es, und doch ist es da. Wie der Bär, wenn er im Uferschlamm des Flusses unterwegs ist, zwar seinen Abdruck hin­ter­lässt, selbst aber nicht mehr da sein wird, wie der Sturm, wenn er zwar mit Wucht in den Wald fährt und dort eine Schneise schlägt, selbst aber nicht zu se­­hen ist, wie Gefallene, die in fremder Erde ru­hen, aber keiner weiss genau wo, im Mahnmal, das man ihnen errichtet, oft ein Ke­notaph, zwar ge­ra­de nicht ruhen, aber dennoch höchst präsent sind, so dieses Wort: Es hinterlässt Ein­drüc­ke, schafft Leerstellen, füllt Erinnerungen. Unlesbare Bände spricht es, das un­ge­sagte und verschwiegene Wort.

Ein heiliges Wort ist es. Umgeben von einer Aura, einem Nimbus, wie einst auf from-men An­dachts­bildern Heilige an ihrem Heiligenschein erkennbar waren. Ein Wort hei­liger Sprache ist es, die tiefer wurzelt. Ein absoluter Komparativ ist es, denn tiefer als was bleibt eben­falls unge­sagt. Ein Wort ist es, das der Welt auf den Grund geht und die Fundamente des Seienden erklärt. Ein Wort, das nicht nur Räume bis zum Äus­ser­sten durchmisst, sondern auch Zei­ten bis ins Unermessliche überspannt. Ein Wort ist es, unterwegs wie das Echo, bis ins Jenseits von Raum und Zeit.

Auch ein mythisches Wort hinter den Räumen und vor den Zeiten ist es. Auf Du mit Narziss, der sich im Spiegel eines Wassers erkennt, auf Du mit Orpheus, der weit un­ter Tag in den Hades hinabsteigt, auf Du mit Ali Baba, dessen Passwort ihm Zugang zu einem Schatz verschafft, auf Du mit Charon, dem mürrischen Fährmann, der die Toten gegen einen Obolus über den Acheron ins Reich der Toten bringt und also bei­de Ufer kennt. Ein wirksames Wort ist es, das geheimnisvolle Räume und Zeiten er­schliesst, die gewöhnlich verschlossen sind.

Dieses ungesagte und verschwiegene Wort, dieses Passwort zwischen Leben und Tod, das niemand lernt, wie man Wörter aus Wörterbüchern und Sprachschätzen, aus Lexika und Idiotika lernen kann, kommt aus dem Schweigen, damit aber auch aus dem Hören. Keiner kann es sich selber sagen, aber jeder kann es erlauschen, wenn er sich auf das Schweigen versteht. Meditierende und Dichtende aller Zeiten und Kulturen wussten dies. Dieses Wort ist polyglott und homophon. Alle verstehen es, den Jüngern gleich, die an Pfingsten in fremden Sprachen re­deten, wie der Geist es ihnen eingab (Apg 2,4). Dieses Wort gibt sich selbst zu verstehen. Die Mystiker vernehmen es auf der via eminentiae, nachdem sie das Sagbare, die via positionis, wie das Unsagbare, die via negationis, hinter sich gelassen haben und ganz dem Schweigen und Hören zugewandt sind.

Dieses Passwort ist für Erika Burkart, ein Wort des Entkommens. Es wird an beiden Ufern verstanden, hüben und drüben, hier wie dort. Mit ihm kann man dem Leben ent­kommen, aber auch dem Tod. Mit ihm kann man den Schatz des Todes erschlies­sen, aber auch den Schatz des Lebens. Sofern man sich auf das Schweigen versteht und in ihm das Hören lernt.

28.03.17