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119 Fietzek

Im fliessenden Buntlicht / des Seitenschiffes / im Eigenwinkel sitzen. // Ich höre das Knistern der Mäuse. // Ich spüre mein Kreuz, / Gott. // Wir schweigen.

Petra Fietzek, Vom Eigenwinkel; 2008.

Hermetische Zeilen sind dies. Ein Gedicht, das sich mir beim ersten Lesen kaum er­schliesst. Drei Strophen, die mich zu mehrfachem Lesen und Erinnern reizen. Dann aber steigt aus den Tiefen des Angelesenen plötzlich ein Buchtitel herauf: Das flies­sen­de Licht der Gottheit. Mechthild von Magdeburg fällt mir ein, jene Begine des 13. Jahr­hunderts, die ihre Erfahrungen notiert, Literatur und Geschichte ge­schrie­ben, christliche Mystik und Spiritualität entwickelt hat. Hier nun ist es fliessen­des Buntlicht, wohl von heller Sonne und bunten Scheiben an Wände und Pfeiler ge­zaubert. Im­mer­­­hin bewirkt auch dieses Licht, dass Gott spürbar wird, und es führt ins Schwei­gen. Das nächste Wort sichert meine Vermutung, es könnte sich um eine Kirche han­deln, in der dies ge­schieht: Ein Seitenschiff gibt es wohl nur parallel zum Hauptschiff einer Kirche mit ba­sili­kalem Schema. Nach fünf Wörtern finde ich mich also in einer grös­se­ren und älteren Kirche wieder.

Nicht dort, wo im Gottesdienst die Gemeinde sitzt: nicht im Hauptschiff. Auch nicht dort, wo zu den Tagzeitengebeten Nonnen oder Mönche sassen: auch nicht im Chor­gestühl der Mittelap­sis. Nein, ich begegne mir irgendwo im Seitenschiff. Dort bin ich allein und sogleich ganz bei mir: Eigenwinkel ist kein geläufiges Wort der deutschen Spra­che. Ich stelle mir meinen ganz persönlichen, den mir eigenen Ort vor, den ich mit niemand teile, nur mit den Mäusen und mit Gott. Nicht verloren bin ich in der Lee­re einer grossen alten Kirche, eher aufgehoben. Sie wird für die Zeit des Sitzens und Knisterns, des Spürens und Schweigens zu meinem Raum, zu meiner Idiotopie. Weil die Autorin im deutschen Münsterland nahe der holländischen Grenze zu Hause ist, schaue ich im Wörterbuch nach: Tatsächlich, eigen kann im Niederländischen auch bo­denständig bedeuten und Winkel auch Laden. Im fliessenden Buntlicht wird das Sei­tenschiff der Kirche vertraut wie der Tante-Emma-Laden der Kindheit. Die romani­sche oder gotische Kirche wird eine vorübergehende Heimat.

Kirchenräume ziehen an und strahlen aus. Es sind selige Augenblicke der Schönheit und Versenkung, wenn sich durch bunte Glasfenster das Licht der Sonne bricht und für eine Weile den Stein der Wände und Pfeiler in ein geheimnisvolles Kaleidoskop der Farben verwandelt: für eine heilige Weile. Schwerer Stein wird für einmal leicht, und mächtige Bündelpfeiler tanzen sanft. Selten Gehörtes wird vernehmbar, so leise fliesst nun die Zeit: hier das Knistern der Mäuse. Nicht gerade die bevorzugten Tiere kirch­licher Malerei oder Heraldik sind sie, aber Vertreterinnen der Kleinsten unter Got­tes Kreaturen. Oft Verdrängtes wird spürbar, so unausweichlich ist die Gegen­wart: das Kreuz, ob der schmerzhafte Teil des Rückgrats oder der schuldbeladene Teil der Existenz, ist nicht auszumachen. Wohl mit Absicht, denn parallel zum Kreuz steht Gott. Jener Gott, der ans Kreuz gegangen ist und sich in Schmerz und Schuld soli­darisch gemacht hat mit der grössten seiner Kreaturen.

Für das Aufgehobensein und Zuhausesein im Eigenwinkel, für die Versenkung in Gott, fürs Einswerden steht ein einziges Wort: wir. An der Stelle des Ich und des Er steht das Wir. Das Schweigen des Eingekehrten wird zum Schweigen Gottes. Beide, Gott und Mensch, der Niedergefahrene und der Aufgehobene, schieben sich für eine heilige Weile übereinander und werden eins. Solange sich die Sonne in der Scheibe bricht. Dafür aber, dass die Hermetik des Gedichts und die Mystik seines Bilds dabei nicht abstürzen in den rosaroten Kitsch irgendwelcher Eso­terik, sorgen beharrlich die Mäuse mit ihrem Knistern ...

Fietzek: 119 / 24.03.17