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118 Ludwig

Seht nicht nach mir hin, Freunde, / so strahlend war ich noch gestern / und heut bin ich wie das Tuch / mit dem man die Toten zudeckt.

Paula Ludwig, Dem dunklen Gott; 1932.

Das Gedicht kommt mir vor wie eine letzthin entdeckte Skulptur. Sie steht im Garten eines sehr alten Hospitals in Antwerpen. Zwei grosse weisse Tücher, erstarrt in ihrer alltäglichen Be­wegung. Als hätten sich gerade gestern noch zwei Nonnen in ihnen be­funden, unter­wegs zu einem Kranken die eine, zu einem Sterbenden die andere. Doch heut sind nur noch ihre Kutten da, gross, weiss, wallend, im Moment ihrer we­sentlichen Tä­tigkeit erstarrt und entleert. Die beiden Frauen aber haben sich aus ih­nen entfernt wie zwei Insekten in ihrer Metamorphose. Geblieben ist der Abdruck ih­res Lebens, eingefangen wie im Stand­bild eines Films, wie im Gipsabklatsch für den Guss einer Statue, wie im Negativ ei­nes verschwundenen Positivs. Eingefrorene Dy­na­mik. Gestern noch strahlend, heute schon ein Leichentuch.

media vita in morte sumus: So beginnt ein gregorianischer Choral von etwa 750. Mit­ten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen: So dichtet Martin Luther ihn 1524 ins Deutsche um. Der Tod ist gross. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir uns mitten im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns: So beendet Rainer Maria Rilke 1913 seinen Gedichtzyklus Das Buch der Bilder. Der Tod kommt hier nicht nach dem Leben, sondern mitten in ihm. Er ist hier keine Zeitspanne, sondern die Unzeit schlechthin. Er erfüllt hier nicht, was er beschliesst, sondern entleert, was gerade voller Vitalität ist.

Paula Ludwig verdichtet persönliche Erfahrung. Gestern noch strahlend, heute schon ein Leichentuch. Derlei passiert. Passiert immer wieder. Kann jeder und jedem pas­sie­ren. Da sprudelst du nur so auf deiner Arbeitsstelle, und aus heiterem Himmel er­hältst du eine Krebsdiagnose. Da freust du dich deiner Ferien, und plötzlich erreicht dich die Nachricht vom Unfalltod deines Kindes. Da gehst du mit Vorfreude auf ge­mein­same Reisen in die Rente, und ohne Ahnung noch Warnung kündigt dein Part­ner dir die Ehe. Derlei passiert. Passiert auch politisch. Kann in jeder Gesellschaft und in jedem Land passieren. Da engagierst du dich im Sozialen oder Kulturellen, und wider Erwarten kommt ein politischer Führer an die Macht, einer ohne Sozialität und Kultur, dafür mit einem Maul voll rechtspopulistischer Parolen. Lud­wigs Gedicht wurde 1932 publiziert, im Jahr vor der Machtergreifung der Nazis.

Ihr kurzes Gedicht wirft einen schweren Schlagschatten auf das, was man Leben nen­nen kann, aber auch auf das, was man unter Tod versteht. Zwischen Gestern und Heute ist hier alles anders geworden. Alles ist aus persönlichem Erleben verdichtet und nichts wird Gegenstand exakter Forschung. Warum? Weil der Dichtung zu allen Zeiten bewusst war, biblischen wie ausserbiblischen, dass sich Leben und Tod der exakten Wissenschaft niemals erschliessen. Der Tod hat kein Davor oder Danach. Er ist kein Zeitpunkt, sondern die Sphäre der Min­derung. Tod und Leben sind die gros­sen Möglichkeiten mitten in der Wirklichkeit des Alltags. Sie kommen und gehen, mal laut mal leise, mal mehr mal weniger. Meine Hoffnung, wenn sie mir strahlend blüht, rechnet mit der Möglichkeit von Le­ben und hat dafür viele gute Erfahrungen. Auch Er­fahrungen von Auferstehung mitten im Tode. Meine Verzweif­lung, wenn sie mich packt und zudeckt, rechnet mit der Möglichkeit von Tod und hat auch dafür Er­fah­rungen. Auch Erfahrungen von Höllenfahrt mitten im Leben.

Wer wie Paula Ludwig die Nacht der Höllenfahrt erlebt hat, will nicht gesehen werden und kann Freunde verlieren. Immer ist der Tod eine Dekonstruktion von Leben. Was bleibt vom Leben, ist das Tuch, ist der Habit, sind die Gewänder des Lebendigen.

Ludwig: 118 / 07.03.17