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117 Nikolić

Der Klang von Vaters Saxophon verbreitete um sich herum eine wundersam sam­te­ne Erhabenheit und Trauer. Einem Katzenjammer ähnlich, der die Augen schliesst. Schläfrigkeit in der Dämmerung. Schokoladenfarbenes, verhaltenes Aufblitzen. Fest­lichkeit; wie beim Erscheinen des schwarzen Lamms am Himmel oder des funkeln­den Fiakers, den ein atlasbedeckter Rappe zieht, die Hufe mit Wolle umwickelt ... / Der Vater bemächtigt sich seines silbernen Schwans. Er liebkost das Gefieder seiner Klappen, küsst seinen schwarzen Schnabel. Leiht ihm seinen Atem. Mit heisserem Flü­stern giesst er Sanftmut in unsere Seelen.

Jovan Nikolić, Weisser Rabe, schwarzes Lamm; serbokroatisch 1993.

Kürzestgeschichten. Diese ist eine von fünfunddreissig, mit denen Nikolić sich an die ersten zwölf Jahre seines Lebens erinnert. Die Mutter eine Serbin, die mit ihrer Stim­me Balladen sang, der Vater ein Rom, der sie mit seinem Saxophon begleitete. So no­­madisierten sie im alten Ju­go­­sla­wien und seiner Nachbarlän­der von Hotel zu Ho­tel, ein Zigeunerduo, das durch die Touristen­or­te der Adria tingelte. Immer dabei die Kinder: der kleine Jovan und seine grössere Schwe­ster.

Ansichtskarten. Hier ist ein Saxophon zu sehen. Es ist Arbeitskapital und Lieb­lings­stück, Erwerbsgrundlage und Familienmitglied, Instrument und Wesen. Es hält die Fa­­milie zusammen. Man sieht es blitzen, wie vom Messing zu erwarten. Man sieht es aber auch in der Farbe von Schokolade, was kaum erwartbar ist. Aus dem Visuellen geht Olfaktorisches hervor, aus dem Gesicht ein Ge­schmack: die Süsse des Klangs, der Schmelz der Melodie, die Weiche einer Musik, die einem auf der Zunge zerge­hen. Man hört das Saxophon sogleich auch spielen, erhaben und traurig, verständ­lich für jeden, der seine Klänge kennt. Wundersam hin­gegen mag verwundern. Aus dem Auditiven geht Taktiles hervor, aus dem Gehör ein Gefühl: die Weiche von Samt wird fühlbar, die Tiefe von Plüsch, die Ruhe einer in sich versunkenen Melancholie. Was auf der Karte zu sehen ist, spricht alle Sin­ne an.

Poème en prose. Eigentlich zeigt die Karte nur den Helden der Geschichte, nicht die Geschichte selbst. Das Saxophon ist mehr als ein Utensil, mehr als ein Instrument, mehr als eine Requisite. Es ist der Protagonist, der eine Stimmung schafft, ein Erle­ben ausdrückt, sogar heilige Erscheinungen herbeiruft. Vor allem hat der Vater, wenn er auf ihm spielt, eine geradezu erotische Beziehung zu ihm. Es wird zum Schwan. Ob dieser aber eine verzauberte Prinzessin ist, die sich für ihren Prinzen opfert wie in Schwa­nensee, dem Ballett von Tschaikowski? Oder der sterbende Schwan, jener be­rühm­te pas seul des Choreographen Fokine auf das Cello-Solo Le Cygne aus dem Car­naval des animaux von Saint-Saëns? Es bleibt offen.

Liebeslied. Das Prosagedicht entpuppt sich als Liebeserklärung an ein Instrument. Im Saxophon verei­nigen sich Schwermut und Sanftmut, Silber und Schwärze, Süsse und Schwere, Eros und Thanatos. Mit heisserem Flüstern giesst es Sanftmut in un­se­­­re Seelen. Der Va­ter lässt es giessen, und der Sohn schaut ihm zu dabei wie das un­­schul­dige Kind einem eigentlich ver­botenen Liebesspiel.

Wie einst Davids Leier die Schwermut von Sauls Seele nahm und es ihm leichter wur­­de und es ihm gut tat (1Sam 16,23), ohne dass die Schwerkraft bleibend von ihm lassen würde, so schaffen hier die Klänge des Saxophons Sanftmut und Erha­ben­heit, ohne dass die Trauer endgültig weichen würde. Jovan Nikolić, der sich als Ange­höriger der Roma versteht, hat nicht nur sein Land verloren, sondern ist auch unter der Stigmatisierung geblieben, die Fahrende von Sesshaften erleiden. Aber er hat das Saxophon des Vaters im Ohr, sein Blitzen vor Augen, seine Süsse im Mund, sei­nen Samt in der Hand. Erinnerung erleichtert und tut gut.

Nikolic: 117 / 07.03.17