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116 Stamm

Er dachte an die Wanderungen der Tiere, die Fisch- und Vogelzüge von Kontinent zu Kontinent, die Bewegung überall auf der Welt, die ihm natürlicher erschien als die Sesshaftigkeit

Peter Stamm, Weit über das Land; 2016.

Ein ebenso ruhiger wie beunruhigender Roman. Eine Familie kehrt aus den Sommer­fe­rien zurück. Eine aus der Mitte der Gesellschaft. Eine wie viele. Eltern, zwei Kinder, Eigen­heim mit Umschwung. Die Kinder sind zu Bett gebracht, die Eltern teilen sich auf der Veranda den Rot­wein und die Wochenendzeitung. Während Astrid, ganz Mut­ter und Hausfrau, ins Haus geht, um nach dem Kleinen zu schauen, der ein wenig jam­­mert, und dann die Koffer auszupacken, um tags darauf unbelastet in den Alltag zu­rückzukehren, legt Thomas die Zeitung ungelesen weg und stellt das Rotweinglas un­geleert ab, um abschiedslos für immer fortzugehen. Einfach so, umstandslos und wortlos. Das Quietschen des Gar­­tentors weiss er zu vermeiden.

Abwechselnd erzählt Peter Stamm aus Astrids Perspektive, aus ihrem Alltag, der nun für zwanzig Jahre eine antwortlose Lücke aufweist, und aus Thomas‘ Perspektive, aus seinem Wanderleben, das ihn nun erklärungslos für zwanzig Jahre weit über das Land führt. Irgendwann verlieren die beiden Erzählstränge die Selbigkeit ihrer Zeit. Sie werden eigenzeitig und ausgedehnt. Nie aber verlieren sich Astrid und Thomas aus dem Gedächtnis. Peter Stamm führt erzählerisch das Motiv durch, das er mit einem Zitat von Markus Werner vorangestellt hat: Wenn wir uns trennen, blei­­ben wir uns. Nie kommen Pathos oder Moral auf. Wieso Thomas ge­gangen ist, wird nie be­ant­wortet. Erst ganz zuletzt kehrt Thomas zurück, mit einem Quietschen des Garten­tors. Wortlos, um­standslos, erklärungslos. Wie sie hatte er gewartet auf diesen Mo­ment, diesen kurzen Augenblick des Glücks, in dem er die Hand auf die Türklinke le­gen und sie herunterdrücken würde.

Ein ebenso störungsfreier wie verstörender Roman. Einer geht. Einfach so. Als folge er einem wiedergewonnenen Instinkt, dem animalischen der Wanderungen, wie man­che Vögel und Fische, die ziehen müssen, wenn ihre Gene es verlangen. Als zwin­ge ihn ein wiedererwachter Atavismus, der anthropologische des Nomaden, der tief im Ge­dächtnis des Menschseins verankert ist. Thomas muss tun, was er tut, Astrid erlei­den, was sie erleidet. Einfach so. Als habe ein Orakel es bei­den verordnet.

Wenn da nicht dieses Zitat von Markus Werner wäre. Es fügt dem Schicksalhaften, dem Instinktiven oder Fatalen, das zwischen dem ersten und zweiten Quietschen des Gartentors so unaufhaltsam abläuft, etwas Rationales oder Intellektuelles bei, etwas Überlegtes: In der Mitte der Gesellschaft, wo Familie und Beruf alles sind, Wohlstand und Har­mo­nie, Funktionieren und Affirmieren, gerade dort, wo alles mit rechten Din­gen zugeht, kann man sich auch verlieren. Sich selbst, indem man im eigenen Leben nicht mehr vor­kommt, seine Partnerin, indem man sie an die Ordnung der Abläufe und Aufgaben verliert. Sesshaftigkeit lähmt den Trieb, trocknet die Sehnsucht aus, an­­ästhesiert das Verlangen. Thomas flieht vor der tödlichen Unbeweglichkeit und Aus­­ge­glichenheit einer Welt, in der Harmonie und Si­cher­­­hei­t höchste Werte sind. Er bricht aus ins Ungesicherte und nimmt Teil an der Bewegung überall in der Welt. Be­we­gung wird zum höchsten Wert.

Urgeschichtlich liegen Fluch und Segen genau auf dieser Zeit zwischen dem Quiet­schen des Gartentors: Rastlos und heimatlos sollst du auf Erden sein, sagt Gott zu Kain, dem Sesshaften (Gen 4,12). Und zu Abram, dem Nomaden, sagt er (Gen 12,1): Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Va­ters in das Land, das ich dir zeigen werde.

Stamm: 116 / 27.02.17