Message

115 Weems

I think on Easter morning we should throw confetti in church! / No? / What about a little fanfare? / A deafening drum roll? / A three-minute standing ovation? / What? Have we had the drums beaten out of us / That we in the celebrative community can’t really / Get excited / About God’s Aliveness?

Ann Weems, Reaching for Rainbows; englisch 1980.

Ein verrücktes Erlebnis fällt mir beim Lesen dieser Zeilen ein. Zum Abschluss einer Brasilienreise suchte ich mehrere Tage lang den Strand von Salvador da Bahia auf. Dort lag ich und las. Ein fliegender Händler versorgte mich regelmässig mit kaltem Bier. Abends, bevor die Sonne sank, schlenderte ich auf der Promenade zurück zur Haltestelle, wo mich ein überfüllter Bus abholte und zum Hotel hinauf in die Altstadt fuhr. Be­reits am ersten Abend wur­de ich Zeuge eines noch nie erlebten Rituals: Der rote Ball der Sonne sank immer wei­ter und näherte sich rasch dem Horizont. Strand und Promenade waren in herrliches Abendrot getaucht. Der Strand noch immer voll von lärmen­den Badegä­sten. Als aber die Sonne das Meer berührte, standen alle von selbst auf, die Schönen und Reichen, die Flaneure und Spieler, die Habenichtse und Tage­die­be. Der ganze Strand erhob sich. Mit einem Mal wurde es sogar andächtig still, während der rote Ball der Sonne im schwarzen Atlantik versank. Kaum war ihr äusserster Rand einge­taucht und verschwunden, brandete tosender Beifall auf. Der ganze Strand verharrte in a three-minute standing ovation. An jedem Abend dieser letzten Tage war es so. Stets freute ich mich auf dieses verrückte Erlebnis.

Was feierten sie? Vielleicht einfach die Schönheit des Vorgangs. Vielleicht auch das zauberhafte Wunder, das alle nüchternen Erklärungen überblendet. Vielleicht gar den Schöpfer, der so elementare Vorgänge wie Tag und Nacht, Licht und Finsternis er­schaf­fen hat und auf immer gewährt. Ich weiss es nicht. Nur das weiss ich: Hier wur­de ganz ohne Aufforderung und Protokoll gefeiert. Einfach und ehrlich. Dies war ganz ohne Liturgie und Gesangbuch a celebrative community. Fast fromm.

Die feiernde Gemeinde ist ein Begriff der Theologen, doch was feiert sie eigentlich? Sich selbst? Gottesdienst werde gefeiert, hört man sagen und kann man lesen in der Kirche, doch ist das Feiern auch das Objekt des Feierns? Hat, wer immer wieder Got­tesdienst feiert, vielleicht das Objekt des Feierns und den Grund der Feier insge­heim verloren? Der Gottesdienst als Hamsterrad? Die Liturgie als Tretmühle? Die Ri­tuale als Endlosschlaufe?

Ann Weems jedenfalls sieht, was die lärmenden Badegäste sehen: Feiern hat ein Ob­jekt. In Salvador die Sonne und vielleicht auch deren Schöpfer. In der celebrating community des Gedichts auf jeden Fall Gott. Nein, weder die Gemeinde noch der Got­tesdienst fei­ert sich selbst: Gott wird gefeiert, seine Gegenwart, God’s aliveness. Und warum nicht wie am abendli­chen Strand von Bahia mit a three-minute standing ovation? Oder mit einem ohrenbetäuben­den Trommelwirbel? Oder mit einem Trom­pe­tentusch? Oder einfach mit Konfetti?

Warum das nicht geschieht? Ann Weems vermutet einen Grund: Keine Begeisterung mehr für Ostern, keine Erregung mehr über die Auferstehung, kein Eifer mehr für die Lebendigkeit. Keiner wird mehr verrückt, keiner gerät mehr aus der Fassung. Keine hat mehr einfache und ehrliche Gefühle. Im Hamsterrad sieht man kein herrli­ches Abendrot. In der Tretmühle kommt keine Andacht auf. In der Endlosschlaufe bricht kein tosender Beifall aus. Celebration as usual mag liturgisch richtig sein, God’s Aliveness ist ihr aber nicht anzusehen. Ach ja, jetzt verstehe ich, warum mir damals am Strand von Salvador da Bahia plötzlich so gottesdienstlich zumute war, mitten un­ter Schönen und Reichen, Flaneuren und Spielern, Habenichtsen und Tage­die­ben.

Weems: 115 / 23.02.17