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114 Zydek

Ich werd mich übergeben müssen / noch und noch / ich werd mich häuten müssen / sieben mal siebenmal.

Ute Zydek, Menschwerdung, 1981.

Auf die Welt kommen, dieser einmalige Vorgang, bei dem eine Mutter gebiert und ein Geborenes plötzlich da und dann nicht mehr wegzudenken ist, hat hierzulande noch eine zweite Bedeutung: Immer wieder mal kann einer auf die Welt kommen, wenn er plötzlich versteht, wie etwas läuft, warum etwas so ist, wer die Fäden zieht. Dann ver­­lässt er mit einem Mal seine bisherige Naivität und tritt ein in die Welt erwachse­ner Einsichten. Verstehen ist im Werden.

Menschwerdung, dieser einmalige Vorgang, bei dem Gott beschlossen hat, aus sich herauszugehen und plötzlich im Menschen Jesus zu leben, um als Christus dann nicht mehr wegzudenken zu sein, hat in diesem Gedicht eine zweite Bedeutung: Sie be­trifft nicht mehr nur Gottes Inkarnation im Menschen, sondern auch die Reinkarna­tion des Men­schen in sich selbst. Biologisch und physisch ist er bereits ein Mensch, doch men­tal und habituell wird er es immer erst. Sein ist im Werden.

Menschwerdung wird im kleinen Gedicht der Ute Zydek zum sich noch und noch wie­derholenden Vorgang des Auf-die-Welt-Kommens. Zwei schillernde Bilder sprechen da­von und eine symbolische Zahl.

Das erste Bild: Wer sich übergeben muss, findet irgendwas zum Kotzen. Er ekelt sich, und es würgt ihn. Er ist einem widerlichen Gefühl ausgeliefert. Das Unwillkom­me­ne muss raus. Hier und jetzt. Subito. Aber übergeben muss sich auch der, den ein frommes Ge­fühl begeistert hat. Gerade wird er ein anderer Mensch. Der alte Adam übergibt sich, und der neue Adam nimmt den Platz des alten ein. Hingabe geschieht. Eine Aussenbindung entsteht, die lateinisch religio heisst.

Das zweite Bild: Sich häuten, das müssen Insekten und Reptilien. Bei Insekten ge­hört Häutung zur Gestaltwerdung: In Metamorphosen durchlaufen sie Entwicklungs­sta­dien. Häutung bedeutet Metamorphose und ist Gestaltwandel. Bei Reptilien ge­hört Häutung zur Erneuerung: Durch Verhornung einer unteren Hautschicht entsteht eine neue Oberhaut.

Die symbolische Zahl: Die Sieben vereint die sinnliche Vier und die geistliche Drei zur idealen Erstreckung. Die Antike hat mit ihr die Lebensstrec­ken des Heran­wach­sens etappiert: infantia als Strecke des Kleinkinds von 1-7, pueri­tia als Strecke des Mädchens und des Knaben von 8-14, adulescentia als Strecke der Pubertät von 15-21. Bis heute sind rechtliche Zugänge mit ihnen ver­bun­den. Der Erwachsene er­lebt je dreimal sieben Jahre lang die Strecken der iuventus und der senectus.

Die Dichterin spricht hier mit sich über ihre eigenen Aussichten. Mensch­wer­dung ja, doch um welchen Preis? Was kostet sie? Im Müssen steckt eine Gesetz­mäs­sigkeit. Sie erinnert auch an eine Aussage von Jesus auf die Frage, wievielmal ein Mensch seinem Bru­der vergeben müsse: nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu sie­benund­siebzigmal (Mt 18,21-22).

Mensch ist man nicht, Mensch wird man. Nicht einmal für immer, sondern noch und noch. Häutungen, ob Metamorphose oder Erneuerung, gehören zur Menschwer­dung, auch das Kotzen und die Hingabe. Auf keiner Lebensstrecke bleibt der Glaube derselbe, auf jeder Lebensstrecke kostet Menschsein Vergebung. Dem Müs­sen steht aber auch ein Können zur Seite: Gottes Menschwerdung ermöglicht die Menschwer­dung des Menschen. Vergeben kann, wem vergeben ist. Nicht nur dem Bruder, damit das Zusammenleben menschlich wird, sondern, was gelegentlich das Schwie­rig­ste ist, auch sich selbst, damit das Eigenleben menschlich wird.

Zydek: 114 / 23.02.17