Message

113 Isherwood

Wenn Sie und ich uns nicht unterscheiden, was können wir einander dann noch ge­ben? Wie sollen wir da Freunde werden?

Christopher Isherwood, A Single Man; englisch 1964.

Die Fragen klingen rhetorisch. Unmögliches liegt in der Luft. Als ob natürlich jeder zu­stimmen müs­se, dass der­lei nicht geht. Die Fragen werden mit Heftigkeit ge­stellt, von einem viel Jüngeren, der einen viel Äl­te­ren verehrt. Er spricht ihn mit Sir an, was die­ser, Li­te­raturprofessor und Endfünfzi­ger, aber nicht will. Als Student, der sei­nen Leh­­rer ver­ehrt, aber auch als junger Schwuler, der einem alten Schwulen be­gegnet, be­steht er auf Unterschieden. Es gibt zwar diese beiden Gemeinsamkeiten, eine gei­stige im Blick auf Bildung und eine körperliche im Blick auf Lust, aber die Un­terschie­de will der Junge umso mehr gewahrt wissen. Ausgerechnet er.

Südkalifornien im November 1962. Der Roman erzählt einen Tag im Leben des Älte­ren. Einen, der ist wie jeder andere. Unterschiedslos. Vom Auf­wa­chen bis zum Ein­schla­fen. Eintönig. George, der Professor, macht zwar noch seinen Job, ist aber kaum bei der Sache. Seit Jim, sein Partner, plötzlich gestorben ist, fühlt er sich ein­sam. Er altert. Kalifornien, das legendäre Paradies, ist nun grau und schä­big. Nebel vom Pazifik hüllen es ein. Er vertrottelt. George erlebt seine vertrauten Um­gebun­gen wie einen Film, in dem er keine Rolle mehr spielt und den er wie im Ki­no betrachtet und kommentiert. Zugleich beobachtet er auch sich selbst, steht neben sich und sieht sich zu. Und im­mer wieder stolpert er über den fehlenden Jim. Diese Lücke lässt ihn nicht los. Er verkauzt.

Spät in der Nacht, nachdem er sich mit einer alten Freundin sinnlos betrunken hat, geht er nicht etwa direkt nach Hause, sondern leistet sich noch einen Abstecher zum Strand. Dort hat er Jim einst kennengelernt. Dort haben sie sich nachts im warmen Sand geliebt. Dort steht noch ihre Bar. Als George sie, voll von drinks and memories, nun betritt, reisst der Film. Nicht Jim sitzt an der Bar, sondern Kenny, der Student, mit dem er am Morgen im Hörsaal noch diskutiert hat. Kenny hat George hier abgepasst. Ein spätes Abenteuer bahnt sich an. Geor­ge will wissen, warum Kenny, den er duzt, ihn immer mit Sir anspricht. Er wolle keine plumpe Vertraulichkeit, sagt der Junge. Aus­gerechnet er.

Freundschaft liegt in der Luft. Anders als die populäre Vorstellung, dass Gleich und Gleich sich gern gesellen und so über Gleichem zu Freunden werden, behauptet Ken­­ny, dass Freundschaft nur dort möglich wird, wo Unterschiedliche sich begegnen und dabei ihre Unterschiede wahren und geniessen. Kenny will keine Kumpanei, kei­ne Kameradschaft, keine Vereinsmeierei. Er braucht keinen Stammtisch. Freund­schaft sucht er, geistvolle und lust­volle. Die aber lebt von Unterschieden: Jung trifft auf Alt, Lernender auf Lehrenden, Lebenslust auf Lebenserfahrung, Unbefangener auf Mitgenommenen. Ge­meinsam ist die Freude am Erzählen und Entdecken. Ge­mein­sam ist der Gwun­der, wie man die Neugier hierzulande so schön nennt: Wieviel Wunderbares verbirgt sich wohl im Anderen? Das Gleiche ist immer schon entzau­bert. Es gelingt Kenny, George zu verzaubern. Ohne Jim zu verlieren, kann er Kenny gewinnen.

Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat. (Röm 15,7) Was Pau­lus den Christen in Rom empfiehlt, erwartet Kenny von der Freundschaft: Sie wächst, wo zwei einander annehmen, wie sie sind, gleich, ob stark oder schwach, wo ein Schwa­cher wie der alte George nicht erst stark und ein Starker wie der junge Kenny nicht erst schwach werden muss, um ein Freund zu werden. Dass der Christus dies bewiesen habe, lässt ahnen, dass selbst Gott des Menschen Freund sein will.

Isherwood: 113 / 23.02.17