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Wochentexte von Matthias Krieg

Lieblingssätze, gelesen in Klassikern der Weltliteratur, Bahnhofshallen, der Bibel und an Hauswänden. Der Theologe Matthias Krieg legt für Sie deren Kern frei und denkt die Zitate weiter und neu.

139 Ecevit

Es wird etwas geschehn morgen / sichtbar am verhalten / der pferde auf wiesen / sichtbar an stürmenden wolken / am wühlen der maulwürfe in der erde // sichtbar am eifer der ameisen / es wird etwas geschehn morgen / vielleicht eine knospe / viel­leicht das fallende laub eines baums / vielleicht auch ein kind // gewahren wir auch nicht ganz das weite / sichtbar am flug der vögel / es wird etwas geschehn morgen / weniger wichtig als übermorgen / wichtiger als heute Mehr…

138 de Navarre

Puisque Dieu par pure grâce / M’a tiré à soy, / Et qu’en tous en toute place / Luy tout seul je voy, / Je suis remply de plaisir, / Veu que mon âme est s’amye. / Qu’il a d’Amour endormie; / Hé, laissez la dormir; Hé, laissez la dormir. // Da Gott aus rei­ner Gnade / Mich zu sich gezogen hat, / Und da ich in allem an jedem Ort / Ganz allein ihn nur betrachte, / Bin ich angefüllt mit Behagen, / so meine Seele seine Geliebte ist. / Da er sie vor Liebe einschlafen liess; / He, lasst sie schlafen; He, lasst sie schlafen. Mehr…

137 Jaccottet

Toute couleur, toute vie / naît d’où le regard s’arrête // Alle Farbe, alles Leben ent­steht / wo der Blick einhält Mehr…

136 Ebner-Eschenbach

Der Maulwurfshügel sprach zum Vulkan: ‚Du Weichling! Was tobst du und machst die Welt zum Zeugen deiner inneren Kämpfe? Auch ich habe die meinen, - wer aber hat mich jemals Feuer speien sehen? Mehr…

135 Germain

Unlängst ist einer der Schwarzen verrückt geworden. Fünf seiner Kameraden, die eine Granate in die Luft geschleudert hatte, fielen, in Stücke gerissen, in seinem Um­kreis nieder. Da hat er sich zwischen diese Überreste von Leibern gesetzt und hat zu singen begonnen. Zu singen, wie sie bei ihnen zu Hause singen. Dann hat er sich entkleidet. Er hat sein Gewehr fortgeworfen, seinen Helm, und sich die Kleider herun­tergerissen. Er hat sich völlig nackt ausgezogen. Und dort in dem Kreis, den seine zerfetzten Kameraden bildeten, hat er angefangen zu tanzen. Ich glaube, die Boches auf der anderen Seite waren genauso überrascht wie wir. Das hat so lange gedauert. Es schneite. Da waren manche im Schützengraben, die weinten über das, was sie sahen. Mehr…

134 Silhana

Was ist das, Einsicht ohne Mitleid? / Was ein Erlösungsweg, der anderen keine Hilfe ist? / Was soll das Recht, wenn es die Schädigung des Nächsten nicht beendet? / Und was ist heiliges Wissen, das nicht zum Frieden führt? Mehr…

133 El Hor

Sie sehnen sich nach dem Urwald, wo sie bestimmt sind, über tausend Gefahren zu blü­hen. Wo die Luft, feuchtglühend und mit Inbrunst beladen, ihren Geruch begreift. Wo schillernde, giftige Insekten sie besuchen. Wo sie Gefährtinnen der Schlangen sind. Wo sie in ihrer kurzen Blütezeit spüren, wie Leben und Tod, Entzücken und Grau­en sie umschwirrt. Wo sie des Nachts bei den Klagelauten und dem hungrigen Gebrüll der Tiere regungslos leuchten. Wo am Tag Papageien und Affen zetern und – von allen Todesmöglichkeiten umlauert – sorglose Kolibris mit langem, spitzem, deli­katem Schnabel den Honig zu finden wissen, der in ihren tiefen Kelchen wartet. / Und im Schaufenster langweilen sie sich entsetzlich. Mehr…

132 Chul-Han

So gehört zum Schönen auch die Negativität des Überwältigenden. Das Schöne geht weit über das Wohlgefallen hinaus. Mehr…

131 Ortheil

Erst im rechten Querschiff, ganz in der Nähe der Vierung, knieten wir uns in eine Bank, und mein Blick schoss wieder hinauf in das hohe Gewölbe über dem Haupt-altar, wo es eine winzige, helle Öffnung gab, durch die das Sonnenlicht hineinströmen konnte. Ich glaube nicht, dass jemand sonst diese Öffnung bemerkte, sie war eines der vielen Details, wie sie nur Kindern auffallen, ein winziges, kreisrundes, helles, das Sonnenlicht einatmendes Loch, das Schlupfloch des grossen Gottes, der in diesem Dom sein eigentliches Haus und in die kleineren Kirchen seine Stellvertreter, seine Jünger und Heilige, vor allem aber die Gottesmutter geschickt hatte, damit sie einen vorbereiteten für das Schwierigste, dafür, seine Grösse zu ertragen und vor ihm zu bestehen. Mehr…

130 Ihimaera

Der Mann drehte sich um. Er hob noch die Arme, als versuche er, sich zu verteidi­gen, da krachte die vordere Stossstange schon knirschend in seine Beine. Er wurde in die Windschutzscheibe geschleudert, die in tausend Stücke zerbarst. Jeff bremste. Die Glasscherben waren plötzlich voller Blut. Ich sah, wie ein menschlicher Körper zehn Meter weit fortgeschleudert wurde und auf der Strasse aufschlug. Im Dunst und im Licht der Scheinwerfer bewegte sich der Körper. Clara schrie. „Oh mein Gott“, stöhn­te Tom. / Ich wollte aussteigen. Clara kreischte. „Nein, nein! Sein Stamm kann je­de Sekunde über uns herfallen! Aus Rache, sie könnten sich an uns rächen. Es ist ja nur ein Eingeborener.“ Mehr…

129 anonym

No importa de dónde eres, estamos contentos que seas nuestro vecino. / No matter, where you are from, we’re glad you’re our neighbor. / Egal, woher du kommst, wir sind froh, dass du unser Nachbar bist. Mehr…

128 Dos Passos

Das kleine Mädchen bemerkt, dass wir über es reden. Es kommt unsicheren Schrit­tes zu uns herüber, in den Händen eine bemalte blecherne Bonboniere. Dann öffnet es sie, um uns den Inhalt zu zeigen. Lauter Zigarettenkippen. „Sie sammelt sie auf ..., das hat sie im Konzentrationslager gelernt,“ erklärt Mama mit einem mütterlichen Lä­cheln. „Es ist ihr grösster Schatz.“ Mehr…

127 McEwan

My mum couldn’t bear to watch so she was sitting outside my room and I could hear her crying and I felt really sad. I don’t know when my dad turned up. I think I passed out for a while and when I came round they where both there by my bed – and they were both crying and I felt even sadder, for all of us for disobeying God. But this is the important thing, it took me a moment to realise that they were crying for JOY. They were so so happy, hugging me, and hugging each other and praising God and sobbing. I was feeling too weird and I didn’t work it out for a day or two. I didn’t even think about it. Then I did. Have your cake and eat it! I never understood that saying before, now I do. Mehr…

126 Fink

Versteckt in unseren dunklen Wohnungen, die Gesichter an den vom Regen und von unseren eiligen Atemzügen beschlagenen Scheiben, schauten wir, die bis zum näch­ten Mal Geretteten, nach den Verurteilten aus, die auf dem Marktplatz standen, wo an Markttagen die Schausteller ihre Buden aufschlagen. In Viererreihen warteten sie auf den Befehl zum Abmarsch. / Und es regnete weiter. Es hatte geregnet, die ganze Nacht hindurch, die nun als Nacht der Alten in die Erinnerung der Überlebenden ein­ge­hen würde. Denn die dort in Vierreihen standen, waren alte und erschöpfte Men­schen, und viele von ihnen erreichten sicher nur mit Mühe das Ziel, die grüne Schlucht unweit der Bahnstation, wo früher ihre Enkel und unsere Kinder im Winter Schlitten fuhren. Mehr…

125 Faes

Rasch griff er zum Stift, schrieb, um in Wörtern festzuklammern, was entschwinden wollte, schrieb, als könne er nur im Schreiben zusammenhalten, was entglitt, als müs­se er sich zusammenkleben zu einem, der noch da war, Fahrten machte, von der Nacht in den Tag hinein, durch Strassen und Gärten, durch die Stockwerke, in die Tie­fe. Einer, der er sein könnte, der Wörter suchte, Sätze machte, einen Namen hatte und sich Namen gab, festhielt, was er sah, ein Fahrtenschreiber durch die Stadt, durch das Tal und die Erinnerung, durch Zeit und Dunkelheit, ein Fabelschreiber. Einer, der noch da war, wenn auch nur in Worten, an denen er ging wie an Krück­stöcken – Mehr…

124 Krall

Nur in der Erinnerung fühlen sie sich geborgen. Befreit aus den Bunkern, von der Dun­­kelheit und von der Angst. Sorglos sind sie. Gesprächig. Edel und gross von Wuchs. Ihr Tod ist zum Privileg geworden. So edel und gross, reich und schön wären sie nach keinem anderen Tod. Mehr…

123 Villa

I unchurched Him and charged / Him manfully. // God is Alive now. Mehr…

122 Rizal

In every instance I noted that a people’s prosperity or misery lay in direct proportion to its freedoms or its inhibitions and, along the same lines, to the sacrifice or selfish­ness of its ancestors. / Bei jeder Gelegenheit stellte ich fest, dass eines Volkes Ge­dei­­hen oder Elend in direktem Verhältnis stand zu seinen Freiheiten oder Beschrän­kungen und, denselben Spuren entlang, zur Aufopferung oder Eigensucht seiner Vor­fahren. Mehr…

121 José

Es gab nicht einmal im Entfernten etwas Schönes oder Gefälliges fürs Auge an ihm, wie erhaben auch immer seine Gedanken und wie wohlklingend seine Worte waren. Gab es überhaupt einen grossen Plan, in den er hineinpasste? Hatte Gott ihn ver­schont, damit er länger leben und so Gottes Existenz beweisen würde? Gagamba! Ga­gamba! Du nichtsnutziger Narr, du hättest in diesen Trümmern begraben werden sollen, aber du bist noch immer da, um all jene zu verspotten, die vollkommene Glied­massen haben und bei deinem Anblick sagen könnten, dass du bist, wie du bist, und sahen, wie sie sein könnten. Mehr…

120 Burkart

Das Wort aus dem Schweigen / hat eine Aura von Sprache, / die ihre Wurzeln / tiefer schickt. // Sein Echoraum Zeit. // Warten, bis es zurückkommt. // Weit ist es gegan­gen; / unter Tag zum Wasser, / darin sich einer erkennt. / Ein Passwort. / An Grenzen geprüft / half es weiter. // Der entkam, wird verstanden / an beiden Ufern. Mehr…