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Staat und Herrschaft bei Zwingli

(Calvin ist hier nicht berücksichtigt, obwohl seine Theologie eine breitere Wirkung gerade auch für den politischen und gesellschaftlichen Bereich hatte).

Zwingli sieht im Obrigkeitsstaat nicht einen Verband, der einem Zustand der Natur entspricht (Naturrecht), sondern eine Gottesordnung, die respektiert werden muss. Eine Obrigkeit darf daher nur dann gestürzt werden, wenn es sich bei ihr um eine [antichristliche oder -TN] Tyrannenherrschaft handelt. Sonst aber muss sich ihr jeder Mensch unterordnen, damit Recht und Ordnung garantiert sind. Ohne Obrigkeit würden Eigennutz und Selbstsucht des Menschen nur zu Krieg und Anarchie führen.

Im Mittelalter stand der Papst zumindest ideologisch an der Spitze der Christenheit. Er verfügte sowohl über die geistliche Macht als auch über die weltliche, die er an den Kaiser delegierte. Die Kirche mischte sich z.B. mit den geistlichen Gerichtsbarkeiten auch in weltliche Angelegenheiten ein.

Zwingli widersprach diesem Modell und betonte, dass die wahre Kirche keine politische Macht ausüben dürfe. Aufgabe der Kirche sei es allein, das Wort Gottes zu verkünden, während die politische Macht nur Sache der weltlichen Obrigkeit sei. Als konkrete Folge dieser Lehre unterstanden die Ehesachen neu dem Rat (vorher dem bischöflichen Ehegericht in Konstanz). Eine weitere Konsequenz war die Aufhebung des juristischen Sonderstatus der Geistlichen.

Trotz der schärferen Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Bereich strebte Zwingli ein enges Zusammenspiel zwischen Obrigkeit und Kirche an. Der Magistrat sollte die weltliche Macht ausüben, während die Kirche die Wertmassstäbe für das obrigkeitliche Handeln lieferte. Besonders in den 1520er Jahren kam es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den Pfarrern und dem Rat. Es war ja stets der Rat, der die reformatorischen Veränderungen durchsetzte. Dahinter stand die Ansicht, dass die Stadt gleichzeitig die Gemeinde Gottes in Zürich sei und der Rat als eine Art Presbyterium („Ältestengremium“) die kirchenpolitischen Entscheide fälle.

Der Rat in Zürich war in einen Kleinen und einen Grossen Rat aufgeteilt. Ein Grossteil der männlichen Bürgerschaft konnte sich in den Zunftversammlungen an der Wahl der Ratsmitglieder beteiligen, doch hatten nur relativ wenige Bürger die Möglichkeit, auch selber in die Regierung gewählt zu werden. Man kann die Staatsform in Zürich während der Reformationszeit als eine aristokratische Republik bezeichnen.

Um zu verhindern, dass die Obrigkeit die Kirche beherrschte, blieben die Synode (Pfarrerversammlung) und die theologische Schule mit der Chorherrengesellschaft vom Rat unabhängige Institutionen. Die Freiheit der Kirche gegenüber der Obrigkeit war jedoch vor allem mit der Predigt garantiert. Ohne Rücksicht auf Menschen sollte sie das verkündigen, was die Heilige Schrift zu allen Themen (auch zu gesellschaftspolitischen Fragen) sagt.

Ch. Scheidegger am 01. Januar 2002 (bearb.)