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Reliquien

Zwinglis Helm und andere Reliquien

Am 11. Oktober 1531, im zweiten Krieg von Kappel, fiel Ulrich Zwingli. Für die siegreichen Truppen der fünf katholischen Orte war damit nicht nur die Schlacht gewonnen. Durch den Tod Zwinglis hatte die Zürcher Reformation auch ihren wichtigsten geistigen Führer verloren. Ein spontan auf dem Schlachtfeld gebildetes Gericht erklärte Zwingli zum Ketzer, sein Leichnam wurde gevierteilt und verbrannt. Als Kriegstrophäen tauchten "des zwinglin helm" und später auch das Schwert und die Streitaxt des Reformators im Luzerner Zeughaus auf. Im 17. Jahrhundert kamen ein Säbel und eine Armbrust zur Kollektion dazu, die als "Ausrüstung des Erzketzers Zwingli" beschriftet den Touristen zur Schau gestellt wurde.

Obwohl es schlicht unvorstellbar war, dass Zwingli derart schwer bewaffnet in den Kampf zog, ersuchte Zürich wiederholt um die Rückführung der Reliquien ihres inzwischen hochverehrten Reformators und Begründers des Staatskirchentums. Es dauerte jedoch noch gute zwei Jahrhunderte, bis die Luzerner Regierung ihre Kriegsbeute "als Zeichen der Aussöhnung und Beseitigung jeglichen konfessionellen Haders" am 13. Januar 1848 freigab. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete ausführlich von der mit Kanonenschüssen und Zeremonie im Grossratssaal feudal gefeierten Rückkehr der Zwingli-Waffen. Tief bewegt nahm der damalige Bürgermeister Ulrich Zehnder das Kampfwerkzeug samt Schenkungsurkunde in Empfang: "Dieser Augenblick gehört zu den ergreifendsten meines Lebens, zu den bedeutungsvollsten meiner amtlichen Tätigkeit...", würdigte er den Anlass.

Historische Untersuchungen des 1898 eröffneten Landesmuseums nahmen die angeblich dem toten Zwingli abgenommenen Waffen erstmals kritisch unter die Lupe. Der Säbel und die Armbrust verschwanden darauf hin aus der Sammlung. Aber auch die Echtheit von Zwinglis Streitaxt erwies sich als zweifelhaft. Der urtümliche schwermetallene Schlagstock, der sich umgedreht als Feuerwaffe einsetzen liess, stammte nämlich aus einem Jahrhundert vor den Reformationskriegen, und es scheint eher unwahrscheinlich, dass der nicht zum ersten Mal in den Kampf gezogene Zwingli eine derart unpraktische Antiquität mitführte. Wegen des regen Publikumsinteresses räumte man der nicht allzu glaubwürdigen Kriegsausrüstung dennoch einen prominenten Platz im Landesmuseum ein. Dies entsprach der damaligen Geschichtsschreibung, die Zwingli zum Helden hochstilisierte, der für seine reine Gotteslehre auf dem Schlachtfeld starb.

Heute vermag ein solch pathetisches Bild kaum noch zu überzeugen: Dass Zwinglis vor allem mit scharfen Worten geführter Kampf um die Erneuerung der Kirche in grausame Konfessionskriege mündete, stürzte den Reformator oft genug in tiefe Verzweiflung, und beim Anblick seiner auf Schwert, Streitaxt und Helm reduzierten Darstellung als Kriegsheld hätte er der Nachwelt bestimmt gehörig die Meinung gesagt. - Immerhin aber der von einem tödlichen Hieb durchlöcherte Helm im Landesmuseum könnte nach Expertenmeinung tatsächlich von Zwingli stammen.

Rea Rother (bearbeitet)