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Rechtfertigungslehre

Auch wenn Huldrych Zwingli der Rechtfertigungslehre nie ein eigenes Buch widmete, taucht sie in seinen Schriften immer wieder auf. Wo er die Frage erörterte, wie der Mensch gerechtfertigt werde, wie er gerecht gemacht werde, kam er stets auch auf andere Themen zu sprechen. Anders als Luther blieb er nicht bei dieser Frage stehen, sondern versuchte noch mehr Neues in der Bibel zu entdecken. Der Zürcher Reformator nannte in seinen frühen Schriften die reformatorische Bewegung gerne „Christianismus renascens“, wiederentdecktes Christentum.

Dazu gehörte auch die Lehre der Rechtfertigung des Sünders aus Glauben: Da der Mensch die Forderungen Gottes (zum Beispiel in den Zehn Geboten) nicht erfüllt und so der göttlichen Ethik nicht gerecht wird, macht er sich schuldig gegenüber Gott und den Mitmenschen. Die durch die Schuld gestörte Beziehung zu Gott und zu den Menschen kann nur wiederhergestellt werden, indem die Schuld beglichen wird. Nur ist der Mensch aufgrund seines Unvermögens nicht in der Lage, für seine Schuld zu zahlen. Im Originalton: „Der Mensch weysst, dass im zuo Got kummen nit möglich ist, er sye denn guot und unschuldig.“ Der Zürcher Reformator sah im Kreuzestod Christi die Wiedergutmachung aller menschlichen Fehler. Der Mensch wird gerechtfertigt, von seiner Schuld freigesprochen, wenn er an Jesus als den Christus glaubt, der die Strafe für alle begangenen Fehler erlitten hat. Der Glaube ist in diesem Zusammenhang nicht einfach eine persönliche Ansicht, sondern ein festes Vertrauen; er verlässt sich nur auf Jesus. „Der Glaube ist die Ruhe und Sicherheit im Verdienst Christi“, sagt Zwingli in seiner wichtigsten reformatorischen Schrift.

Der theologische Ort der Zwinglischen Rechtfertigungslehre liegt in der Soteriologie, der Lehre von der Erlösung. Zwingli griff diesbezüglich Vorstellungen von Anselm, Erzbischof von Canterbury (11. Jahrhundert), auf. Der Mensch lebt naturgemäss im Elend, in der Trennung von Gott und kann nur durch die satisfaktorische Leistung des Todes Christi erlöst werden. Indem Christus die Gerechtigkeit erbrachte, die Gott gebot, ist den Forderungen Gottes genüge getan. Diesem Schema (Elend - Erlösung) folgte später der Heidelberger Katechismus.

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ So lautet die Eingangsfrage des berühmten reformierten Katechismus. Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele, sowohl im Leben als auch im Sterben, nicht mir selber sondern meinem treuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ Hier ist vom Evangelium die Rede, ohne dass sofort die Lehre der Rechtfertigung erwähnt wird.

Auch Zwingli drückte das Evangelium zuweilen mit anderen Worten aus: Der Mensch ist auf der Suche nach seiner Identität, die er im Paradies durch den Sündenfall verloren hat. Die Identität findet der Mensch nicht in sich selber oder in seinem eigenen Tun (den guten Werken), sondern ausserhalb seiner selbst. Seine Identität, die verlorene Ebenbildlichkeit Gottes (lateinisch „Imago Dei“), bekommt der Mensch nur durch Christus zurück.

Wie gesagt: Die Lehre der Rechtfertigung ist in Zwinglis Schriften ein Thema unter anderen. Er war nie in dem Mass von Anfechtungen geplagt wie der Ex-Augustinermönch aus Wittenberg und legte vielleicht deswegen weniger Gewicht auf die Rechtfertigung aus Glauben, als es Luther tat. Zwingli schrieb ausführlich über das praktische Leben des Christen, die Kirchenordnung, soziale Reformen, Bildungspolitik und anderes mehr. All diese Fragen werden von ihm unter dem Aspekt der christlichen Nachfolge zu beantworten versucht.

Die Unterschiede zwischen der Rechtfertigungslehre Zwinglis und derjenigen Luthers werden an dieser Stelle nicht untersucht. Nur eines sei erwähnt: Der Zürcher Reformator betonte stets die Eigenständigkeit seiner Verkündigung gegenüber Luther.

Und welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die gemeinsame Erklärung des Lutheranischen Weltbundes und der Römisch-Katholischen Kirche zur Rechtfertigungslehre?

Von den Reformierten ist nicht die Rede. Vielleicht hatten die reformierten und calvinistischen Kirchen in dieser Sache nichts zu erklären, da Zwinglischer Tradition folgend ihr Augenmerk nicht nur auf die Rechtfertigungslehre gerichtet ist. Doch fehlten reformierte Stimmen nicht, die auf diese Erklärung reagierten - auch kritische:

Wie glaubwürdig ist die gemeinsame Erklärung angesichts der Tatsache, dass die Römisch-Katholische Kirche die Ablasspraxis erneuert und ihre Institution in der vatikanischen Erklärung DOMINUS IESUS verabsolutiert?

Pierre Bühler: Ablass oder Rechtfertigung durch Glauben. Was brauchen wir zum Jubiläumsjahr 2000? Pano Verlag 2000. ISBN: 3-907576-30-6

Ch. Scheidegger am 28. Oktober 2000 (bearb.)

Am 5. Juli 2017 hat die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen die gemeinsame Erklärung des Lutherischen Weltbundes und der Römisch-Katholischen Kirche zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet.