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Predigt bei Zwingli

Die Reform des Gottesdienstes und der Predigt dauerte über mehrere Jahre, - zu brisant und zu wichtig waren die (nötigen) Veränderungen. Immerhin machte Zwingli schon bei seinem Amtsantritt als Leutpriester des Grossmünsters klar, dass seine Predigten anders würden. Statt Heiligengeschichten und Legenden wollte er die ganze Bibel von A-Z "durchpredigen". Schon am nächsten Tag begann er mit dem griechischen Neuen Testament, mit dem ersten Kapitel des Matthäusevangeliums. Damit legte Zwingli einen Schwerpunkt im Gottesdienst, desser Wirkung ihm noch nicht bewusst sein konnte.

Im Mittelpunkt des bisherigen Gottesdienstes hatte die Eucharistiefeier gestanden, die dramatische Wiederholung des Opfertodes Christi, bei der Brot und Wein sich in den Leib und das Blut Christi verwandelten. Die Liturgie war lateinisch, was das Volk nicht verstand, aber auch viele der schlecht ausgebildeten Priester nicht, - eine Predigt im Sinne einer Bibelauslegung, die die einfachen Menschen auch noch in ihrer Sprache verstehen konnten, war völlig unüblich.

Nach Zwinglis tiefster Überzeugung muss die heilige Schrift Führerin und Lehrerin sein. Dieses Schriftprinzip hat zweierlei Folgen:

Die Übersetzung der Bibel und die Verbreitung des Bibeltextes werden wichtig (vgl. Artikel "Buchdruck", "Bibelübersetzung"), denn die Kenntnis der heiligen Schrift ist kein Vorrecht des Priesters mehr.
Die Predigt, in der den Menschen gesagt wird, was in der Bibel steht, erhält ein enormes Gewicht, ja, sie wird zum Zentrum des Gottesdienstes (quantitativ und qualitativ ist sie das wohl noch heute im ref. Gottesdienst).
Für diese Predigt, das Novum der Reformation, braucht der Prediger Bildung (Sprachen, Rhetorik), Zeit zur Vorbereitung und Verständnis für die Fragen und Sorgen, die seine HörerInnen drücken.
Nach Zwingli autorisieren nicht mehr das Lehramt der Kirche und die Tradition die Bibelauslegung. Aber wer dann? Nach Zwingli bedarf das Wort Gottes nicht menschlicher Stützen, es setzt sich mit eigener Kraft durch.
Aber auch Zwingli hat nicht auf sein grosses rednerisches Können verzichten wollen, wenn er seine Ansichten von der Kanzel oder im Ratssaal zu vertreten hatte.

Matthias Reuter (bearbeitet)