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Patriotismus Zwinglis

Von einem „Schweizerischen Nationalbewusstsein“ kann im 16. Jh. keine Rede sein. Ein solches Bewusstsein entstand erst im 19. Jh mit der Erschaffung des modernen Nationalstaates. In der Alten Eidgenossenschaft gab es allenfalls ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der einzelnen Herrschaften. Die Eidgenossenschaft blieb ein loser Bund verschiedener Territorien, und nur eine relativ kleine Elite entwickelte über die Territorial-, Sprach- und Konfessionsgrenzen hinweg ein Kollektivbewusstsein. Als man übrigens 1815 nach dem Scheitern einer modernen Schweizerischen Republik zur alten Form des Staatenbundes zurückkehrte, klagte ein enttäuschter Republikaner, dass die Schweizer keine Nation mehr seien.
Der Begriff „Nation“, sei er nun auf Ethnie und Sprache oder auf eine Willensgemeinschaft bezogen, wurde erst im 19. Jh. in seinem staatspolitischen Sinn verwendet. Infolgedessen kann vor dem 19. Jh., mindestens aber vor dem 18. Jh. schon von den Begriffen her nicht von einem „Nationalbewusstsein“ gesprochen werden.

Hingegen trifft man auch in der Alten Eidgenossenschaft immer wieder auf ein Wir-Bewusstsein, das über die territorialen Grenzen hinweggeht und den Bund der Eidgenossen hervorhebt. Ein solches Kollektivgefühl war zum Beispiel im Schweizerischen Humanismus des 16. Jh. vorhanden. Der Humanist Heinrich Glarean, zuerst ein Freund und dann ein Gegner Zwinglis, pries in dichterischen Worten die Schweiz als Wiege der Freiheit.

Auch Zwingli war begeistert vom - humanistisch hochstilisierten - Freiheitskampf der alten Eidgenossen gegen die adligen Besatzer. Der humanistisch geprägte Patriotismus hatte ein pädagogisches Ziel: Die Eidgenossen sollten neben ihren militärischen Erfolgen und ihrer Unabhängigkeit künftig auch eine humanistische Kultur haben. Die Freiheit müsse ausser mit Waffen auch mit Geist verteidigt werden, - so war die Überzeugung der Humanisten.
Zwingli selber gehörte diesem eidgenössisch gesinnten Humanistenkreis an, bevor ein Paradigmenwechsel unter den Beteiligten den Kreis auflöste.

Als Zwingli das wiederentdeckte Evangelium zu predigen anfing, wurde, was einst das Höchste war - das literarische Schaffen, der klassische Stil etc. - plötzlich zur Nebensache. Durch Zwinglis reformatorische Predigt fiel der Humanistenkreis auseinander, doch lebte der Schweizerische Humanismus auf reformierter wie auf katholischer Seite weiter.

Zwingli gab seinen eidgenössischen Patriotismus mit der Reformation in Zürich nicht einfach auf. Er hoffte, dass die Uneinigkeit unter den Eidgenossen durch einen landesweiten Sieg der Reformation bald überwunden werden könne.

Ch. Scheidegger am 08. Februar 2002 (bearb.)