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Papsttum

Papsttum - Zwinglis Stellung dazu

Auf einer vollständigen Papstliste steht gewöhnlich der Name des Apostels Petrus an erster Stelle, dem dann hunderte Namen folgen. Nach katholischer Lehre hat Jesus Christus das Papsttum eingesetzt [Mt 16 - TN]; die Päpste sind die Nachfolger des Apostels Petrus im römischen Bischofsamt. Die historischen Quellen zeigen jedoch, dass der Bischof in Rom bis ins 4. Jahrhundert noch keine anerkannte Führungsposition in der Gesamtkirche gehabt hat. Eine solche Vormachtstellung ist erst seit dem 5. Jahrhundert nachweisbar.

In den ersten Jahrhunderten festigte sich der Zusammenschluss der Gesamtkirche durch die Synoden und die Metropolitanverfassung: Die Bischöfe einer Provinz versammelten sich regelmässig zur Beratung wichtiger Kirchensachen unter der Oberaufsicht eines Metropoliten, im Westen auch Erzbischof genannt. Unter den Metropoliten oder Erzbischöfen nahmen die Bischöfe von Rom, Alexandrien und Antiochien, dann Konstaninopel allmählich eine besondere Stellung ein (Ansätze zu Patriarchaten). Anders als bei den ersten christlichen Gemeinden strebte die Katholische Kirche immer mehr zu einer hierarchischen Ordnung.

Die Kirche in Rom war von alters her sehr angesehen. Dies lag nicht nur an der Tatsache, dass Rom die Welthauptstadt war, sondern auch am Alter, der Grösse und den zahlreichen Verdiensten der römischen Gemeinde. Immer wieder zeigte die Kirche in Rom eine tatkräftige Sorge für andere Gemeinden und setzte sich stets für die Reinheit der christlichen Lehre ein. Die römischen Bischöfe konnten so ihr Ansehen und ihren Einfluss stetig vergrössern. Der Kirchenvater Tertullian beobachtete diese Entwicklung bereits im 2. Jahrhundert kritisch und verhöhnte den römischen Bischof als „Pontifex Maximus“ (Hohepriester des römischen Reichs, Titel des Kaisers) und „Bischof der Bischöfe“.

Nachdem im 4. Jahrhundert das Christentum zur Staatsreligion erklärt worden war und Kaiser Konstantin als Herr auch über die Kirche herrschte, lag die Idee eines grossen kirchlichen Gegenspielers nahe. Dieser konnte nur ein Obermetropolit sein. Konstantinopel kam nicht wirklich in Betracht, weil der dortige Patriarch der Hofbischof des oströmischen Kaisers war. Auch Alexandria hatte keine Chance, da seine Stellung an Bedeutung verlor. So blieb einzig Rom übrig.

Leo I. der Grosse (440-461) kann als der erste eigentliche Papst bezeichnet werden. Er vertiefte nicht nur die theoretische Begründung des Primats (Vormachtstellung) des Bischofs von Rom (mit der Bibelstelle von Matthäus 16, 18), sondern konnte seinen Führungsanspruch auch mit einer erfolgreichen Kirchenpolitik behaupten.

Beim Papsttum handelt es sich klar um eine spätere Entwicklung und nicht um eine notwendige Folge des ursprünglichen Christentums, vielmehr ist es ein Produkt des antiken römischen Geistes auf der Grundlage des katholischen Kirchentums.

Diese historische Sicht teilte auch Huldrych Zwingli, wenn er über die ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte sagte: „Zu jener Zeit gab es noch keinen höchsten Bischof, was immer man heute über den Stuhl Petri [=Papstamt] schwatzen mag.“ Der Reformator lehnte das Papsttum als eine spätere Einrichtung der Kirche mit den folgenden Worten ab: „Sie [die Papstanhänger] machen viel Aufhebens davon, aber sie können den Stuhl Petri nirgends in der Lehre des Evangeliums begründen und fest verankern. Kurz: Für mich deutet nichts darauf, dass Gott sie autorisiert hätte. Ihre Lehre beweist vielmehr nur, wie nahe sie den Tyrannen verwandt sind.“

Ch. Scheidegger am 23. April 2002 (bearb.)