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Krieg

"Gerechter" Krieg

Das Dilemma: "Zwingli wurde durch seine Kriegserfahrungen (Pavia, Marignano) zum erbitterten Feind des Söldnertums, und auch das Zitat zum Thema "Kriegstaten" (nächsters Stichwort) lässt ihn in einem pazifistischen Lichte dastehen, - andererseits weist sein Ende, wiederum als Feldprediger in einem Kriege, den er offenbar doch als "gerechten Krieg" empfand, in eine ganz andere Richtung".

Am Anfang der reformatorischen Phase teilt Zwingli völlig die pazifistischen Anschauungen des Erasmus. Allerdings verbindet sich bei Zwingli und beim schweizerischen Humanistenkreis mit dem religiösen Motiv ein nationales, patriotisches. Der Reformator lehnt das Reislaufen scharf ab, kann jedoch zugleich die eidgenössischen Freiheitskämpfe verherrlichen. Zwingli versucht zwischen den Forderungen der Bergpredigt und "dem allgemeinen Recht der Kultur" zu vermitteln. Das Ergebnis ist eine "Kompromissethik". Im Laufe von Zwinglis Wirken verschiebt sich das Schwergewicht immer mehr zugunsten des Politischen. In "Empfehlungen zur Vorbereitung auf einen möglichen Krieg" (ZwS III,7-29 (1)) ist von der früher empfundenen Spannung zwischen Evangelium und Krieg nichts mehr zu spüren. Später liess sich Zwingli überhaupt vermehrt von politischen Motiven leiten. Machtpolitik war ihm durchaus nicht fremd. (2)

Zum Hinweis auf das Zitat "Kriegstaten": Dies ist ein Ausschnitt aus einer Schrift gegen den Solddienst ("Eine göttliche Ermahnung der Schwyzer", 1522), und hat hauptsächlich den Zweck, die Schwyzer von einem Soldbündnis mit Frankreich abzuhalten. Zwingli ist in dieser Schrift nicht in erster Linie Pazifist, sondern Sittenhüter und Patriot. ("Pazifismus" ist ihm KEIN ABSOLUTES Anliegen, steht immer im Dienst von Höherem.) Seine Argumente: "Die Gefahren, die solche Verbindungen mit fremden Potentaten für die Eidgenossenschaft erbrachten, seien gross, nicht nur, weil das Kriegen an sich Gottes Zorn über das Volk herabrufe, sondern auch weil Bestechungsgelder die eidgenössische Rechtsordnung gefährdeten, weil verderbliche Sitten eingeschleppt würden, weil Neid, Treulosigkeit und Unzufriedenheit entstünden und weil es keine Gewähr dafür gebe, dass man zuletzt nicht doch einem Machthaber in die Hände falle." (3)

Wenn es nicht mehr um einen Kampf für die Freiheit ging, sondern Kriegführen eine Sache von Abenteuerlust, Arbeitsscheu und Habgier wurde, so wie dies beim eidgenössischen Solddienst der Fall war, sprach sich Zwingli klar gegen Krieg aus. Er wollte verhindern, dass aus finanzieller und moralischer Abhängikeit der Regierenden (bezogen hohe Pensionen) politische Abhängigkeit des Landes wurde.

Für Zwingli gibt es gerechte Kriege. In einem Abschnitt über Gesetz und Mord kann er schreiben: Eine Privatperson ist "vom Verbrechen des Mordes frei, wenn sie zum Beispiel Gewalt mit Gegengewalt aufhält, oder wenn sie in einem gerechten Krieg einen ungerechten und gottlosen Feind umbringt." (4)

Ja, seine eigenen Kriegserfahrungen hatten ihn zum Gegner des Solddienstes gemach, aber in einem Bericht über einen militärischen Grosserfolg (1512) klingen auch ganz andere Töne an: Er vergisst sich so weit, dass er Neidern gegenüber die Kriegstaten seiner Schweizer in Schutz nimmt als etwas, "was der Erfolg als ein heiliges und gerechtes Unternehmen erweise" - jedenfalls eine ethisch sehr fragwürdige Argumentation, Kriegstheologie in schlimmem Sinne (5).

Bei allem bisher Gesagten: Ich halte es nicht für eine reine Floskel, wenn Zwingli seine Schrift "Vorbereitungen auf einen möglichen Krieg" abschliesst mit einem Gebet um Frieden: "Ich hoffe aber zuversichtlich, der allmächtige Gott werde (...uns) nicht für gewisse ungetreue Handlungen dadurch bezahlen lassen, dass er uns auf diese Weise gegenseitig zu Feinden werden lässt. (...) Hiermit will ich Gott von Herzen gebeten haben, er wolle seine Stadt davor bewahren, den hier dargelegten Weg gehen zu müssen (...)." - Es kam zum Krieg.

1) ZwS: Zwingli, Ulrich: Schriften.
Im Auftr. d. Zwinglivereins hrsg. v. Th. Brunnschweiler u. S. Lutz ... Zürich: TVZ, 1995. (gut les- und greifbar; vielleicht eine Fundgrube für Dich!)
2) Zusammenfassung von Walter Köhler: Ulrich Zwingli und der Krieg. In: Christliche Welt, 29 (1915) 675-682. - Etwas neueren Datums wäre: Walter J. Hollenweger: Huldrych Zwingli zwischen Krieg und Frieden: Erzählt von seiner Frau. München: Kaiser Ch., 1984. 58 S. ill.
3) ZwS I,75-100, mit Einleitung
4) ZwS IV,192 in Die Vorsehung, 1530.
5) nach Oskar Farner: Huldrych Zwingli. Bd.2. Zürich

C. Schnabel am 30. Oktober 1999 (bearbeitet)