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Klöster

Die Klöster waren im Frühmittelalter nicht nur die Ausgangspunkte für eine breite missionarische und seelsorgerliche Tätigkeit, sondern auch die High-Tech-Zentren Europas. Theologisches und philosophisches Wissen, aber auch wirtschaftliches Know How fanden sich vor allem innerhalb der Klostermauern. Die anfängliche Energie und grosse Wirksamkeit nahmen jedoch mehr und mehr ab. Im Hochmittelalter begannen die überall entstandenen Universitäten den Klöstern bald den Rang im Bildungswettkampf abzulaufen. In wirtschaftlicher Hinsicht standen bald die Städte und das Bürgertum an der Spitze, dank technischen Erfindungen und verbesserter wirtschaftlicher Organisation. Obwohl die Klöster für Seelsorge, Gottesdienste, Armen- und Krankenfürsorge wichtig blieben, schwand ihre öffentliche Bedeutung, da sie mehr und mehr mit sich selber beschäftigt waren.

Genau dies kritisierte Zwingli: ihre Bauchnabelschau. Die Klöster waren autonom, unterstanden keiner Regierung und waren daher von allen Steuern befreit. Ausser diesem wirtschaftlichen Wettbewerbsvorteil führten zahlreiche Schenkungen [gemacht, um das persönliche Seelenheil zu garantieren -TN] (z.B. Grundstücke) zu einem oft immensen Reichtum der Klöster. Autonomie und Reichtum schienen viele Klöster träge gemacht und daran gehindert zu haben, den bestehenden Problemen in der Welt zu begegnen. Zwingli jedenfalls warf den Mönchen und Nonnen vor, ihre Aufgabe nicht wirklich zu erfüllen. Seelsorge und auch das Armenwesen liessen nach ihm zu wünschen übrig. Von den täglichen Gottesdiensten hielt der Reformator gar nichts und wollte sie ganz abschaffen. Anstatt dass in den Klöstern für Geld gesungen und gebetet würde, solle das Evangelium gepredigt, d.h. verständlich erklärt werden.

Zwingli sah andererseits in den ursprünglichen Pflichten der Klöster selbstverständlich wichtige christliche Aufgaben.

Um den Armen zu helfen, schuf man in Zürich auf einen Vorschlag Zwinglis hin eine öffentliche Armenfürsorge. In der „Almosenordnung“ von 1525, dem neuen Armengesetz hiess es: „Als erste Massnahme, um die armen Leute von der Gasse wegzubringen, ist als Anfang vorgesehen, dass jeden Tag im Dominikanerkloster ... Mus und Brot verteilt [werden soll].“ Der Klosterbesitz wurde säkularisiert, die Klöster wurden in eine obrigkeitliche Fürsorgeanstalt umgewandelt.

Für Erziehung und Bildung waren in Zürich nicht primär die Klöster zuständig, sondern das Grossmünster- und Fraumünsterstift. Die Reformatoren legten grossen Wert auf Bildung, v.a. auf das Studium der klassischen Sprachen. In Zürich wurde das Grossmünsterstift, die alte Kongregation von Weltgeistlichen, in die Prophezei umgewandelt. Diese theologische Schule hatte wie das alte Stift einen eigenen Wirtschaftskörper, wurde also nicht wie die Klöster säkularisiert.

Und: Mit der Aufhebung der Klöster durch die Reformation, verschwand auch eine ungeliebte wirtschaftliche Konkurrenz der städtisch-bürgerlichen Produzenten.

Ch. Scheidegger am 27. Juni 2001 (bearb.)