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Kappeler Kriege

Kappeler Kriege, Politik bei Zwingli

Bibel und Schwert hält die Statue des Zürcher Reformators vor der Wasserkirche in den Händen. Wie konnte beides, christliche Religion und Krieg, zusammengehen? Als Zwingli auf dem Schlachtfeld bei Kappel starb, löste das unter seinen Zeitgenossen verschiedene Urteile aus. Nicht nur Luther erblickte in Zwinglis Tod eine Strafe Gottes über seine kriegerische Politik. Anders urteilten später die englischen Puritaner; sie sahen in Zwingli einen theokratischen Revolutionär und in seinem Ableben einen heldenhaften Tod.

Im Gegensatz zur politischen Abstinenz [bzw. gegensätzlichem Stellungsbezug -TN] Martin Luthers war Zwingli zweifellos ein politisierender Reformator, der nicht nur die kirchliche Lehre sondern auch das gesamte Leben reformieren wollte: Das Evangelium hat auch in der Politik mitzureden. Der Zürcher Reformator hielt zudem am mittelalterlichen Ideal einer christlichen Gesellschaft, die kirchlich und politisch eins ist, fest. Deshalb konnte der evangelisch gesinnte Rat in Zürich die Reformationsgesetze erlassen und als Hirten über die Schafe wachen; er hatte neben seiner politischen Funktion auch den kirchlichen Aufgaben eines Presbyterialrates (Ältestenrates) nachzukommen.

Wie aber kam es, dass der einst pazifistische Zwingli in seinen späteren Jahren auf militärische Massnahmen drängte? Der Zürcher Reformator hielt zeitlebens daran fest, dass niemand mit dem Schwert zum Glauben gezwungen werden dürfe. Es sei allein das Wort Gottes, das Menschen zum Glauben an Christus führe. Dieses Reden Gottes zu den Menschen dürfe jedoch keinesfalls behindert werden, auch nicht durch irgendwelche gesetzlichen Verordnungen. Es gelte unbedingt auf die freie Verkündigung des Evangeliums zu pochen. Wenn das freie Predigen verboten werde, sei nicht dem menschlichen Gesetzgeber zu gehorchen. Die freie Verkündigung müsse sichergestellt sein, notfalls auch mit militärischen Massnahmen, - so rechtfertigt Zwingli den Einsatz von Waffen um des Evangeliums willen.

(Siehe auch den Art. „Gerechter Krieg“.)

Als Zürich innerhalb kurzer Zeit mit vielen bestehenden kirchlichen Traditionen brach, führte das zu einer Reihe von Interventionen von aussen. Der päpstliche Legat, der Bischof von Konstanz und andere versuchten dem Treiben der Zürcher ohne Erfolg Einhalt zu gebieten. Die reformatorischen Neuerungen stiessen auch bei den fünf katholischen Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug auf heftigen Widerstand. Sie kamen 1524 auf einer separaten Tagsatzung (Tagung der Regierungsabgesandten) zusammen und beschlossen, bei der alten Kirche zu bleiben und die lutherische und zwinglische Lehre aus all ihren Gebieten auszurotten. Sie erblickten in Zwingli einen Verkünder von Anarchie und Revolution und sahen sich in ihrer Meinung bestätigt, als im Jahr 1525 der Bauernkrieg tobte. Es gab zu dieser Zeit Übereinkünfte anderer katholischer Territorien mit dem Ziel, die Reformation mit allen Mitteln zu unterdrücken.

In dieser Situation fürchtete Zürich, dass sich eine katholische Koalition bilden könnte, die auch militärisch gegen die reformierten Städte vorgehen würde. Zwingli und andere empfahlen daher, dass die reformierten Gebiete ihrerseits ein Bündnis schliessen sollten mit der Absicht, ihre Religionspolitik zu koordinieren. So schloss Zürich im Dezember 1527 mit der Stadt Konstanz einen Vertrag zur Verteidigung der Reformation, das sogenannte „Christliche Burgrecht“, welchem sich in den darauffolgenden zwei Jahren Bern, St. Gallen, Basel, Schaffhausen, Biel und Mülhausen beigesellten. Die (altgläubigen) Fünf Orte waren plötzlich von 'ketzerischen' Territorien eingekreist und sahen sich nun ihrerseits nach ausländischen Verbündeten um: Im April 1529 schlossen sie mit dem König Ferdinand von Österreich die „Christliche Vereinigung“ ab.

Es begann eine Zeit des Kalten Krieges. Besondere Probleme ergaben sich in den von den Fünf Orten und von Bern und Zürich gemeinsam regierten Gebieten, da jede Partei dort die eigenen kirchenpolitischen Absichten durchzusetzen versuchte. Konkret lautete eine Frage: Wer fällt den Entscheid für oder gegen die Reformation in diesen Gebieten? Die reformierten Städte stellten sich auf den Standpunkt, dass es im Ermessen jeder Gemeinde liege, durch Mehrheitsbeschluss sich der Reformation anzuschliessen. Die Fünf Orte widersprachen dieser Auffassung und urteilten, die regierenden Orte hätten über die Religionsfrage des gesamten betreffenden Territoriums zu befinden (Die katholischen Orte hatten bei der Verwaltung aller grösseren Vogteien die Mehrheit).

Die Frage war noch immer ungelöst, als im katholischen Schwyz der reformatorisch gesinnte Prediger Jakob Kaiser hingerichtet wurde. Dieses Vorgehen löste in Zürich heftigen Protest aus und führte schliesslich zur Kriegserklärung Zürichs und Berns an die Fünf Orte. Bei Kappel trafen die beiden Heere aufeinander; den 30'000 Zürchern und Bernern standen nur 9000 Innerschweizer gegenüber, die von den Österreichern im Stich gelassen worden waren. Es kam nicht zur Schlacht. Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger, erzählt an dieser Stelle in seiner Chronik die berühmte Geschichte der 'Kappeler Milchsuppe', nach der einige, die nur Milch hatten, ihre Holzschüssel auf die Grenze stellten, worauf die Zürcher ihr Brot hineinbrockten und beide Parteien anschliessend gemeinsam daraus assen.

Im ersten Kappeler Landfrieden vom Juni 1529 diktierte weitgehend Zürich die Friedensbedingungen: Auflösung des Bündnisses mit Ferdinand von Österreich und Anwendung des Gemeindeprinzips in den gemeinsam regierten Territorien (jede Gemeinde sollte über die Einführung der Reformation entscheiden können). Hingegen blieb die Freiheit der evangelischen Predigt in katholischen Gebieten offen und das Reislaufen wurde nicht verboten. Zwingli war mit diesem Resultat nicht zufrieden.

Das Ergebnis des ersten Kappeler Landfriedens ermöglichte es Zürich, die Reformation vor allem in der Ostschweiz in vielen Gemeinden durchzusetzen. Auch in St. Gallen, das nicht eine gemeine Herrschaft, sondern nur eine Art Protektorat einiger eidgenössischen Stände war, unterstützte die Limmatstadt die reformatorischen Veränderungen. Das eigentliche Ziel Zwinglis jedoch, die Reformation der gesamten Eidgenossenschaft, blieb weiterhin unerreicht.

Da die Fünf Orte die freie Äusserung reformatorischer Ansichten in ihren Gebieten nach wie vor nicht tolerierten, stellte Zwingli sie als Friedensbrecher hin und sprach sich für einen Angriffskrieg gegen die Fünf Orte aus. Weil Bern ein solches Vorgehen ablehnte, kam es im Mai 1531 nur zu einer Nahrungsmittelblokade, die Bern wenige Monate später zur Verärgerung Zürichs wieder abbrach.

Als dann im Oktober 1531 die Fünf Orte der Limmatstadt plötzlich den Krieg erklärten, stand Zürich innerhalb der Burgrechtsstädte isoliert da. Weil sich die Mobilmachung der Zürcher auch noch verzögerte, standen bei Kappel diesmal nur 3500 schlecht disponierte Zürcher doppelt so vielen Innerschweizern gegenüber. In einem kurzen einstündigen Treffen entschied die katholische Seite die Schlacht für sich.

Für Zürich endete der Zweite Kappelerkrieg in einem Desaster: 500 Zürcher, darunter 25 Geistliche (auch Zwingli), verloren ihr Leben, was eine grosse geistige Krise in Zürich auslöste. Im November desselben Jahres wurde der zweite Kappeler Landfrieden geschlossen, mit welchem Zürich der expansiven Reformationspolitik absagen musste. Ansonsten wurden die alten Bünde unter den Eidgenossen erneuert und dadurch die konfessionelle Zweiteilung der Eidgenossenschaft mindestens provisorisch anerkannt.

Zwingli selber zog sehr wahrscheinlich als Feldprediger mit in die Schlacht, scheint sich dann aber am Kampf beteiligt zu haben. (Zu Zwinglis Tod siehe den Art. "Tod Zwinglis").

Ch. Scheidegger am 16. Dezember 2000 (bearb.)