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Humor

Humor bei Zwingli

Hatte Zwingli keinen Humor, keine Lebensfreude?
Nein, lebensfeindlich war Ulrich Zwingli nicht! Er liebte die Schöpfung und die Menschen (wie auch die Musik), wird als volksnah, leutselig und eine offene, fröhliche Natur beschrieben. HUMOR IN DEN VERSCHIEDENSTEN VARIANTEN gehörte zu seinem Wesen; das ist sowohl aus Zeugnissen von Zeitgenossen, als auch aus seinen vielen Briefen und sonstigen Schriften erkennbar.

FRITZ SCHMIDT-CLAUSING hat viele dieser Zeugnisse und Beispiele gesammelt und zusammengestellt in seinem Büchlein "ZWINGLIS HUMOR" (Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main, 1968). Schmidt-Clausing schreibt: "Humorlosigkeit war nicht Zwinglis Sache. Er mochte die frommen Sauertöpfe nicht". Humor kommt für ihn aus dem Glauben, er findet ihn auch in der Schrift. Die HEITERKEIT DES HERZENS ist der wahre Humor, eine Gabe des Heiligen Geistes. Humor stand für Zwingli letzlich im DIENSTE DES ERNSTES, der Verkündigung des Evangeliums und der Sache der Reformation. Deshalb ist sein Humor auch nicht verletzend. Man muss beachten, dass in seiner Zeit sehr direkt und ironisch gegen Gegner polemisiert wurde; wenn er also in seiner manchmal "boshaften" Ironie für unsere Sicht zu weit zu gehen scheint, liegt er absolut im Rahmen der Gepflogenheiten seiner Zeit. Auch Luther und andere Reformatoren sowie v.a. die Humanisten pflegten geradezu einen gewissen polemischen Stil. Schmidt-Clausing: "Was die Grobheit angeht, so darf man das Heute nicht mit dem Damals vergleichen. Gegenüber dem damaligen Grobianismus, ..., war Zwingli ein Waisenkind und gegenüber dem oft recht deftigen Luther eher ein weltmännischer Theologe."

Ein Beispiel für Zwinglis IRONIE: im Zusammenhang mit dem Streit um die Realpräsenz Christi im Abendmahl ruft er im Blick auf Luther aus: "Du guter Gott! Niemand lebt, wenn er dich nicht mit den Zähnen verspeist und mit durstiger Kehle getrunken hat." Neben der Ironie pflegte Zwingli besonders auch das SPIEL MIT NAMEN UND WORTEN (deutsch wie auch lateinisch und griechisch). So nannte er seinen Gegner Thomas Murner in Luzern einen "Murnarr" und den Schwaben Althammer einen "Althammel". Luther wird - wieder im Zusammenhang mit dem Abendmahlsstreit - als "Christoborus, d.h. Christusfresser" bezeichnet. Die Bischöfe, die episcopi (Aufseher), nennt er apiscopi (Wegseher). Den Konstanzer Weihbischof macht er vom (schweizerdeutschen) "wichbischoff" zum "vichbischoff" (Vieh). (Natürlich hatten seine Gegner auch für ihn manche Verdrehung parat, so z.B. wenn sie seine evangelische Ausrichtung als "evanhöllisch" bezeichneten.

Ulrich Zwingli schrieb sogar SATIRISCHE FABELN ("Fabelgedicht vom Ochsen" oder "Der Labyrinth"), z.B. gegen die Reisläuferei (Solddienst). Aber auch an SELBSTIRONIE fehlte es ihm nicht. Obwohl er ein gebildeter, feinsinniger Humanist war, hat er seine "rustikale" Art oft und gern betont; nach einem Kontrollbesuch durch den Weihbischof schrieb er ins Protokoll, er hätte den Bischof mit "Herr Weihbischof" angeredet. Er schrieb dazu in Klammer: "Hier beging ich schon, unklug und bäuerlich wie ich bin, einen tollen Fauxpas; denn man sagt, ich hätte ihn mit "Gnädiger Herr" anreden müssen. Doch ich habe keine Ahnung von der städtischen Art. Ich bin halt ein Bauer."

OSKAR FARNER äussert sich folgendermassen zu Zwingli (Zusammenfassung aus Farner: Huldrych Zwingli: Seine Jugend, Schulzeit und Studentenjahre, 1943):

Der junge Musikant: Die frühesten Biografen Zwinglis heben übereinstimmend hervor, dass den Knaben Ulrich eine "guote Simm und Lust zuo der Musica" und überdurchschnittliche Musikalität auszeichnete. Wohl anfänglich als Autodidakt, in den Studentenjahren dann durch gründlichen Unterricht geschult, spielte er zahlreiche (ca.10) Instrumente. Als kaum Fünfzehnjähriger wird er ins Dominikanerkloster "gelockt" für ein Probejahr; Grund dafür ist sein Aufsehen erregendes musikalisches Können!

Die Lebenshaltung im Elternhaus
Wer unter Lebensfreude allerdings Prunk und Verschwendung versteht, wird bei Zwingli wenig finden. Nicht moralisierende Begründungen dürften hier aber die Quelle bilden: Aufgewachsen ist er in einem Haushalt mit an die zwanzig Personen, untergebracht in einem relativ kleinen Haus: Bescheidenheit, eine genügsame Lebensweise, gehörte da ganz natürlich zum Alltag! Zeitlebens empfand er einen Widerwillen gegen modische Extravaganzen, und er hält stets wenig von hohen Titeln. (So erlaubt er sich in einem Brief an Herzog Johann v. Sachsen, der zugleich auch an Landgraf Philipp v. Hessen gerichtet ist, den Scherz: "Durchlüchtigkeit" sei ja schliesslich "ouch den Glasfensteren eigen.") Er verleugnet auch als Zürcher nicht, dass er ursprünglich ein "Bauer", ein Landei war.

Der Mutterwitz
Auch er gehörte für Zwingli zum Erbe seines Elternhauses und seiner bäuerlichen Toggenburger Jugendheimat. Vom Basler Studenten Zwingli wird berichtet, er sei "aussergewöhnlich amüsant und witzig" gewesen. Aber auch der reife Reformator bringt in seinen Predigten und Schriften die Hörer und Leser immer wieder mit spassigen Wendungen und munteren Anekdoten zum Lachen. Einige "Müsterchen": Einmal wettert er dagegen, dass die Gegner das Gotteswort zum Menschenwort machen, um auf diese Weise um so ungescheuter dagegen losschlagen zu können und bringt dazu den Vergleich: "... einer dorst (durfte) sin Wyb nit schlahen - es war im verbotten -, do nam er sy by der Schuben (Schürze), warff sy die Stägen (Treppe) nider und verantwortet es: er hette die Schuben hinab geworffen." Oder: Man müsse den Irrlehrern ihr Handwerk legen, sonst "wurdind (würden) die Spitzfündigen all Tag Junge oder Eyer haben".

Als älteste Quelle zu Leben und Person Zwinglis sei OSWALD MYCONIUS: "Das älteste Lebensbild Zwinglis" von 1532 empfohlen, in: Ulrich Zwingli, Eine Auswahl aus seinen Schriften, hg. G. Finsler, W. Köhler, A. Rüegg, Zürich 1918.

Zwingli war also durchaus ein sehr humorvoller Mensch. Weshalb dann das Bilder- und Musikverbot in der Kirche? Zwingli wollte, dass das WORT im Zentrum des Gottesdienstes und des Lebens stehen sollte. Er war nicht aus Prinzip gegen Singen, Kunst etc., sondern wollte ganze Sache machen mit der Reformation. Ihn schmerzte der abergläubische Missbrauch z.B. der Bilder in der rein äusserlichen Frömmigkeit. Sein grosses Anliegen war, dass wir als Christen wirklich BEI GOTT SELBST und nicht in vergänglichen, kraftlosen Gegenständen oder Personen das Heil suchen und finden. Sicher lag ihm die Sittlichkeit der Menschen am Herzen, aber viele "puritanische", lebens- und lustfeindliche Tendenzen strömten später, auch durch den Einfluss des Calvinismus, in die reformierte Konfession ein.

Cornelia Schnabel am 23. Juni 1999