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Homophilie

Homophilie und Zwingli

Zwingli und die Homosexualität
Für Zwingli war Homosexualität kein Thema, mit dem er sich eigens auseinandergesetzt hätte. Ihm wären bei dem Thema höchst wahrscheinlich die Haare zu Berge gestanden, so abwegig muss ihm Homosexualität wohl vorgekommen sein: ein Greuel, weil eine Abweichung von der natürlichen, sprich: göttlichen Norm [und in den biblischen Schriften einhellig geächtet -TN].

Homosexualität als Kampfmetapher
Das hielt Zwingli aber nicht davon ab, sie bisweilen als polemisches Wurfgeschoss einzusetzen: Beispielsweise handelt der 49. Artikel der „Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel“ vom Ärgernis, Priestern die Ehe zu verbieten, ihnen aber handkehrum zu erlauben, gegen Geld Huren zu halten. Der Reformator – dem es natürlich um die Legitimation der Priesterehe geht – schildert die sozialschädigenden Effekte der „Hurenpriester“. Und damit nun niemand auf die Idee kommt, dieses Problem dadurch zu lösen, dass man die Hurerei effektiv verbietet, führt er gleichsam als Steigerungsform der babylonischen Zustände den Gedanken aus, die Priester ehelos, nur aber einfach ohne Huren, leben zu lassen: „Wenn er aber keine eigene Hure hält, so ist nichts vor ihm sicher, nicht einmal die eigene Mutter und Schwester; ich schweige davon, dass sie es hie und da miteinander getrieben haben ...“

(in : Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel, 1523, zitiert nach: Zwingli, Schriften, Theologischer Verlag, Zürich, 1995, Bd. II, p. 411)

Polemik und Realität
Zwingli befand sich mit solchen Invektiven in bester Gesellschaft. Missliebigen Mönchen und Priestern Homosexualität zu unterstellen, war gängige Praxis (wenn auch Luther aus nicht ganz klaren Gründen darauf verzichtete). – Und dass es sich dabei um mehr handelte als blosse Polemik, zeigt eine Betrachtung der sozialen und gesetzlichen Realitäten der Zeit. Zwingli deutet es in der „Auslegung und Begründung“ an, wenn er vom Kirchenbann handelt und Beispiele verbaler Ausfälligkeit beibringt, die durch eben diesen Bann zu verhindern wären: „Ihr (die Bischöfe im Schweizer- und im Schwabenland, MB) habt in den vergangenen Jahren den verheerenden Krieg gesehen (den Schwabenkrieg von 1499. MB), den zwei Völker gegeneinander führten, Christen gegen Christen, und wisst genau, dass dieser zum Teil nur wegen leichtfertiger, erlogener und schändlicher Spottreden ausgebrochen ist. Denn das gottlose Laster, welches die Schwaben den Eidgenossen laut vorwerfen, wird auf Erden nirgends härter bestraft als bei den Eidgenossen“.

(in : Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel, 1523, Zwingli, Bd. II, p. 331)

Zur Erläuterung: Die Schwaben hatten den Schweizern allerlei sexuelle Unzucht und insbesondere Sodomie vorgeworfen. Sodomie ist dabei beides: Unzucht mit Tieren und Homosexualität, insbesondere, wenn „ein Jüngling“ mit im Spiel ist.

Mit dem Verweis auf die härtesten Strafen jedenfalls bringt Zwingli die vor der Polemik liegende Realität der Homosexualität im späten Mittelalter ins Spiel: der „Sodomit“ als Verbrecher.

Homosexualität als Verbrechen
Homosexualität war ein Verbrechen, und zwar eines, das mit dem Tod zu bestrafen ist. Diese Ansicht hatte sich zwischen 1250 und 1300 durchgesetzt. Es war zur gleichen Zeit, dass Homosexualität zum Offizialdelikt wurde: ein Verbrechen, dass von Amts wegen und zumeist durch die städtische Obrigkeit verfolgt wurde. – Im Zusammenhang mit der Verfolgung der Katharer wurde zudem eine Liaison von Homosexualität und Häresie konstruiert; der Inquisition gab dies später die Möglichkeit, via Sodomie Unglauben und vice versa zu „beweisen“.

Mit der aufkommenden Hexenphobie und –jagd schliesslich gelangte die Homosexualität definitiv in eine sozialstrategisch entscheidende Funktion: Sie wurde zum männlichen Pendant der – primär – mit Frauen assoziierten Hexerei. War es, etwas grobschlächtig formuliert, für die Frau die Hexerei, bzw. der drohende Scheiterhaufen, der sie in der Ehe halten sollte, so bestand für den Mann die Drohung in der Homosexualität und dem genau gleichen Scheiterhaufen. Statt durch den Teufel war männliche Identität durch andere seinesgleichen bedroht (wenn natürlich dem Teufel auch sogleich homosexuelle Interessen unterstellt wurden). Und dass ebenfalls der Scheiterhaufen die häufigste Strafe für derartige „Sodomie“ ist, war bestimmt kein Zufall.

Gelebte Homosexualität
Angesichts dieser Verfolgungsgeschichte der Homosexualität im späten Mittelalter – und darüber hinaus – müsste man Zwingli nun beinah zugute halten, dass er sie „nur“ zu polemischen Zwecken einsetzte.

Allerdings habe ich bislang nur die eine, die sozusagen offizielle und institutionell verbriefte Geschichte der Homosexualität angedeutet. Es gab daneben eine ganz andere Geschichte. Bei Zwingli klingt sie – natürlich wiederum polemisch – an, wenn er von der „römischen“ Kirche schreibt: „Was wollen wir erst von der unkeuschen Keuschheit der Päpstler sagen, die ihre heuchlerische Enthaltsamkeit nicht genug herausstreichen können, sich uns aber täglich obszöner als die Hunde darbieten? Dies alles ginge ja noch halbwegs an, bliebe es bei einigen innerhalb der natürlichen Grenzen.“ (Aus: Der Hirt, Zwingli I, a.a.O., p. 274)

Der Punkt ist: Der Anwurf trifft partiell zu. – Es wäre ja auch zu seltsam, hätte es damals keine gelebte Homosexualität gegeben. Und es wäre zu seltsam, hätte der antihomosexuelle Diskurs alle anderen Stimmen verdrängt.

Einige Indizien:
In Köln wurden Homosexuelle kaum verfolgt und Schwulenstatistiken – nach unten - frisiert, weil man glaubte, durch Publizität würde deren Anziehungskraft nur – noch? – grösser. Das ist natürlich keine positive Einschätzung der Homosexualität, aber doch ein Indiz dafür, dass selbst die Verfolgungsbehörden eine (wenn auch bösartige) verführerische Seite der Homosexualität kannten.

In Italien waren zwar Städte wie Florenz und Venedig besonders hart in der Vefolgung Homosexueller. Zugleich konnten hier Künstler wie Sodoma und Michelangelo ihre Homosexualität mehr oder minder ungestört leben – und „sich outen“: Sodoma hatte richtiggehend Spass an seinem Namen, der nur auf eines zurückzuführen war: Dass man den Maler der Sodomie bezichtigen wollte. Er wendete dies ins Positive und unterschrieb schon einmal eine Steuererklärung mit „Sodoma Sodoma derivatum M. Sodoma“.

Ähnliche Geschichten liessen sich aus England und Frankreich berichten, weniger aus Deutschland: Zur Schweiz habe ich leider gar nichts gefunden. Deutlich ist aber im allgemeinen, dass in manchen Fällen ein Einfluss der „Renaissance“ unverkennbar ist: Die Wiederentdeckung der griechischen Ìdeale hatte sozusagen zu einer scheuklappenfreien Platon-Lektüre geführt, die u.a. auch die homoerotischen Interessen eines Sokrates an den Tag brachte.

Auf Zwingli hatte diese Seite seiner Zeit allerdings keinen Einfluss, obwohl er als „Humanist“ den neuen Ideen zwar nicht unbedingt als zugeneigt aber zumindest als mit ihnen vertraut gelten darf.

Fazit
1. Zwingli hielt Homosexualität für widernatürlich und damit widergöttlich. Allerdings scheint daraus keine massive Homophobie resultiert zu haben. 2. Für Zwingli war die Ehe ein wichtiges (göttliches / soziales) Gefäss, die nicht ganz so gute menschliche Natur und Begierde zu fassen. Auch deshalb konnte er unmöglich etwas Positives an homosexueller Liebe finden: Sie war per definitionem ungezügelt, d.h. sozial schädlich.

Literaturhinweis:
Die Antwort verdankt sich – Zwinglis Ansichten ausgenommen, die habe ich selbst zusammengeklaubt – stark folgendem Buch:
Helmut Blazek, Rosa Zeiten für rosa Liebe - Zur Geschichte der Homosexualität, Fischer, Frankfurt am Main, 1996

Matthias Bachmann am 23. Februar 2000 (bearbeitet)