Message

Engel

Engel bei Zwingli

Die Engel sind in Zwinglis Theologie keine Hauptdarsteller, sondern spielen nur eine Nebenrolle. Besonders in der späten Schrift „Von der Vorsehung“ kommen Engel vor, während sie in den übrigen Veröffentlichungen des Reformators nur selten auftauchen. Mit seiner Entdeckung des Evangeliums hat Zwingli die Engel auf ihren Platz gewiesen. Diesen haben sie zwar bei Gott, doch sind die Himmelswesen für den Glauben nicht von grosser Bedeutung.

Zwingli scheint bei seinen Gedanken über Engel in der erwähnten Schrift vor allem die Frage klären zu wollen, wer Gott und wer der Mensch ist. Er unterscheidet zuerst Gott und Kreatur, Schöpfer und Geschöpfe. Zu den Geschöpfen zählt er solche, die einen Verstand besitzen, und solche, die keinen haben. Zu den Geschöpfen mit Verstand rechnet er Kreaturen mit Körper (Menschen) und solche ohne Körper (Engel; sie sind reine Geister, die jedoch für kurze Zeit eine körperliche Form annehmen können). Beide sind dazu erschaffen, in der Gemeinschaft mit Gott zu leben.

Der Verstand und das Geschaffen-Sein verbindet Mensch und Engel miteinander. Eine Folge davon ist nach Zwingli, dass Irren nicht nur menschlich ist, sondern auch die Engel mit Unwissenheit behaftet sind. Allein Gott ist allwissend und irrt sich nicht.
In diesem Zusammenhang machte der Zürcher Reformator einen Vergleich zwischen dem Fall einiger Engel und dem des Menschen: Vor dem Fall war die Ungerechtigkeit noch nicht da, weil noch niemand gegen das Gesetz verstossen hatte. Engel und Mensch wollten Erkenntnis besitzen; sie wollten wissen, was Gerechtigkeit ist, was aber ohne das Gegenteil gar nicht erkennbar war. Aus diesem Grund haben beide das Gebot übertreten (der Mensch ass die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis im Garten Eden). In dem Augenblick, als sie verfehlten, haben sie das Angesicht der Gerechtigkeit und der Unschuld gesehen, durch deren Gegenteil (Ungerechtigkeit und Schuld) erkennbar gemacht.

Die Engel, die verfehlten, wurden aus dem seligen Wohnsitz gestossen und ins ewige Feuer geworfen. Der Mensch wurde aus dem seligen Haus, dem Paradies, vertrieben und ... An dieser Stelle verläuft die Geschichte des Menschen anders als die der gefallenen Engel; hier setzt das Evangelium ein. Der Menschen wird nicht sofort für ewig verdammt, sondern ihm wird durch Gottes Barmherzigkeit die Tür der Erlösung gezeigt. Daher sagt Zwingli vom Menschen, dass er gegenüber den Engeln bevorzugt sei. An einer anderen Stelle schrieb Zwingli, dass die Schönheit des Menschen sogar diejenige der Engel übertreffe und stimmte einem arabischen Philosophen zu, der den Menschen als das Wunderbarste im grossen Welttheater bezeichnet hatte.

Ch. Scheidegger am 06. November 2001 (bearb.)