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Ehefrau

Anna Reinhart, Zwinglis Ehefrau

Während das Leben und Werk Ulrich Zwinglis ganze Bibliotheken füllt, ist über seine Ehefrau nur wenig bekannt. Mehrere Jahre lang hielt Zwingli seine Beziehung zur Witwe des vornehmen Junkers Hans Meyer von Knonau geheim, ehe die beiden 1524 den Bund der Ehe schlossen. Zwingli war damals vierzig Jahre alt, seine Braut dreiundreissig, Mutter dreier Kinder und mit Regula, Zwinglis erster Tochter, erneut schwanger.

Anna Zwingli, geborene Reinhardt, darf als für ihre Zeit durchaus emanzipierte Frau betrachtet werden, auch wenn sie sehr darauf bedacht war nicht aufzufallen. Bereits im zarten Alter von 16 Jahren in die reiche Familie Meyer eingeheiratet, sollen ihr materielle Werte nie viel bedeutet haben. Nach 13 Jahren Ehe verstarb ihr erster Mann, und seine Familie sorgte dafür, dass das Erbvermögen an die drei noch minderjährigen Kinder überging. Als treu sorgende Mutter war Anna Reinhardt im Höfli beim Zürcher Grossmünster lediglich noch geduldet.

Die junge Witwe muss dem neuen Leutpriester Ulrich Zwingli, der Anfang 1519 im Haus nebenan einzog, sogleich aufgefallen sein. Als Lateinlehrer ihres ältesten Sohnes Gerold fand Zwingli bald Gelegenheit, seine Nachbarin näher kennen zu lernen. Seine fortschrittlichen Ansichten in kirchlichen wie gesellschaftspolitischen Fragen werden ihr wohl imponiert haben. Als Zwingli im September 1519 an der Pest erkrankte und wochenlang zwischen Leben und Tod schwebte, war es Anna Reinhardt, die ungeachtet der eigenen Ansteckungsgefahr an seinem Krankenbett sass und ihn mit dem Nötigsten versorgte. Zwingli überlebte, und im Frühling darauf beschlossen die beiden zu heiraten, sobald die Kirchenobrigkeit dies erlaubte und die damals heftig umstrittenen Zölibatsvorschriften lockerte.

Zwingli machte publik, dass das Eheverbot für Priester nicht aus der Bibel abgeleitet werden könne. Er schrieb an die Tagsatzung und den Bischof von Konstanz und flehte ihn förmlich an, den "Priestern, die Brunst leiden", das Heiraten zu gestatten. Die "wilde Ehe" muss auch für seine Braut mit etlichen Unannehmlichkeiten verbunden gewesen sein. Kritiker vom linken Flügel der Reformationsbewegung warfen dem Paar mangelnden Mut vor, weil sie nicht offen zu ihrer Beziehung standen. Vor allem aber hatte Anna Reinhardt den Zorn der einflussreichen Familie Meyer ihres verstorbenen Gatten zu fürchten.

Für Zwingli war die Eheschliessung sicherlich auch ein politischer Akt. Die öffentliche Hochzeit am 2. April 1524 im Grossmünster führte zu einer Spaltung zwischen den Altgläubigen und den Reformierten und machte eine Neuregelung des Zivil- und Eherechts in Zürich notwendig. Es scheint aber dennoch mehr als eine reine Zweckheirat gewesen zu sein. "Nüt ist kostlicher dann d'Lieby", soll Zwingli von seinem neuen Familienglück geschwärmt haben.

Anna Zwingli-Reinhardt gebar kurz nacheinander vier Kinder und besorgte den Haushalt ihres umtriebigen Gatten. Sie zogen in das Haus an der Kirchgasse, das noch heute den Namen "Helferei" trägt. Ganz in diesem Sinne beherbergten sie dort Freunde und Glaubensgenossen sowie zahlreiche Studenten und Bedürftige.

Anna Zwingli vertrat gewissermassen den weniger Aufsehen erregenden weiblichen Teil der reformatorischen Vorstellungen ihres Ehemannes. Obwohl aus reichem Hause stammend, trug sie ihren besseren Stand nicht zur Schau, sondern kleidete und gab sich wie die Frauen gewöhnlicher Leute. Sie erzog auch die Kinder ganz danach, und es ist anzunehmen, dass sie dies nicht aus Unterwerfung, sondern aus eigener Überzeugung tat.

1531, sieben Jahre nach der offiziellen Eheschliessung, wurde Anna Zwingli zum zweiten Mal Witwe. Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger nahm sich ihrer - bis zu ihrem Tod 1538 - an.

Rea Rother (bearbeitet)