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Christologie Zwinglis

Es geht um den Versuch zu erklären, wie Christus ganz Mensch und gleichzeitig ganz Gott sein kann, also in welchem Verhältnis seine menschliche Natur und seine göttliche Natur zueinander stehen (Zwei-Naturen-Lehre). Diese unlösbare Frage beantworten Zwingli und Luther auf etwas unterschiedliche Weise; von Bedeutung ist dies u.a. deshalb, weil die Voraussetzungen zu ihrem unterschiedlichen Abendmahlsverständnis hier, in ihrer unterschiedlichen Christologie liegen. Stichwortartig erklärt:

1. Unterschiedliche Schwerpunkte in der Christologie:

Zwingli legt mehr Gewicht auf die VERSCHIEDENHEIT der 2 Naturen Christi, Luther betont mehr die EINHEIT der 2 Naturen.

Zwingli hebt die GOTTHEIT Christi stärker hervor (kann man sich merken als "Osterchristologie"), Luther betont die MENSCHHEIT Christi stärker ("Weihnachtschristologie").

2. Alloiosis (=Gegenwechsel) und communicatio idiomatum (=Austausch der Eigenschaften):

ZWINGLI: Nur von der ganzen PERSON des Gottmenschen kann man mit Hilfe des Stilmittels der Alloiosis ("per alloiosim") die Eigenschaften einer Natur aussagen. Was heisst das? Das Dilemma erklärt Zwingli so: Christus sagt einerseits "mich werdet ihr nicht immer haben" (vgl. Mt 26,11; Joh 12,8). Andererseits sagt er "Ich werde mit euch sein bis an das Ende der Welt" (vgl. Mt 28,20). Das widerspricht sich aber nur scheinbar, denn die erste Aussage meint die menschliche Natur Christi, die zweite meint seine göttliche Natur. Die sind klar auseinanderzuhalten. Aber mit dem rhetorischen Stilmittel Alloiosis (Fachausdruck von Plutarch) wird es möglich, die eine Natur zu erwähnen und die andere zu meinen oder beide Naturen auf einen Begriff zu bringen und doch nur die eine zu meinen: wenn von der einen Natur Christi die Rede sei, verwende Johannes Ausdrücke, die zur andern Natur gehörten.

(Zwingli verwendet den Begriff "Alloiosis" auch in der Trinitätslehre: Alloiosis schafft die Möglichkeit, auf Grund der Einheit von "Gott" eine Aussage zu machen, die genaugenommen nur für eine der "3" "Personen" der Trinität gilt (zB "Gott - d.h. eigentlich Christus - ist Mensch").

LUTHER: Durch die communicatio idiomatum können die Eigenschaften der einen Natur Christi auf die andere Natur Christi übertragen werden. So ist auch die menschliche Natur Christi in der Lage, überall zugleich zu sein, so wie Gott. Der irdische Christus hat teil an den Eigenschaften der göttlichen Natur, verzichtet aber auf deren Gebrauch (Einheit im Sinne von unio hypostatica). Die Inkarnation ist Luther sehr wichtig, eben das Zusammengehören von Göttlichem und Menschlichem in Christus. Zugrunde liegt bei Luther eine ganzheitliche Personvorstellung, die nicht eine Abwertung der leiblich-materiellen Sphäre gestattet.

3. Folgen fürs Abendmahlsverständnis:

ZWINGLI: Die göttliche und die menschliche Natur Christi sind klar unterschieden. In seiner menschlichen Natur, die zu einem bestimmten Zeitpunkt nur an EINEM Ort ("certo loco") sein kann, ist Christus seit der Himmelfahrt "zur Rechten Gottes" (Mk 16,19) und kann nicht gleichzeitig im Abendmahl präsent sein. Präsent ist er nur in seiner göttlichen Natur. Das ist für Zwingli deshalb wichtig, weil er fürchtet, sonst würde die wahre Menschheit Christi aufgehoben. Überall sein kann nur Gott und keiner, der ganz Mensch ist. Und ferner, weil er die Wiederkunft Christi bedroht sieht, wenn man sein Sitzen zur Rechten Gottes, von wo er wiederkommen wird, nicht wörtlich genug nimmt.

LUTHER: Die Gottheit Christi durchdringt seine Menschheit so, dass auch die Menschheit Christi überall zur selben Zeit ist: somit gilt die UBIQUITÄT für beide Naturen, d.h., auch die menschliche Natur Christi kann im Abendmahl präsent sein. Christus ist, wo immer er gegenwärtig ist, in beiden Naturen gegenwärtig. Das ist für Luther deshalb wichtig, weil er vermeiden will, dass das Wort von der das Heil wirkenden Person Jesu (Inkarnation) getrennt betrachtet wird ("logos asarkos"). Und ferner, weil er sonst bedroht sieht, dass das Abendmahl wirklich die Sündenvergebung austeilt (Gnadenmittel) und wirklich Hilfe in Anfechtung ist.

Literatur: H. Zwingli: Fidei ratio (Schriften 1995, IV). - Carl Andresen: Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte II, 1980.

C. Schnabel am 23. November 1999