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Bilder und Bildersturm

"Erlaubte" und schädliche Bilder

Um die ganze Frage des Bilderstreits etwas ins rechte Licht zu rücken, sei vorweg gesagt: Die Bilderfrage stand NICHT im Zentrum von Zwinglis reformatorischem Anliegen. Viel wesentlicher war ihm die Neuordnung des christlichen Lebens. Auch erschien ihm die Ablehnung der Heiligenverehrung gewichtiger als die Ablehnung der Bilder. Zwingli zeigte sich durchaus nicht als Anführer im Bilderstreit, sondern war bestrebt, allen Tumult zu vermeiden. (Vielen war sein vorsichtiges Vorgehen zu langsam. Er empfahl Geduld bei den Bildern, bis die Predigt ihre Wirkung getan habe; sein Motto war auch hier: erst Predigt und Glaube - dann, als Konsequenz, die Reformation des Gottesdienstes, der Kirche, der Gesellschaft.) Dennoch kam Zwingli - z.T. aus sehr praktischen Erwägungen - zu einer deutlich negativen Haltung gegenüber dem Bild in der Kirche.

Sein Unterscheidungskriterium zwischen "erlaubten" und "verbotenen" Bildern wird sichtbar in den Gründen, die er gegen die religiösen Bilder vorbringt:

Man müsse nicht alle Bilder zerstören, nur die verehrten, und es komme auf die Beziehung an, mit welcher der Mensch dem Bild gegenübertritt. (So durften z.B. Kirchenfenster bestehen bleiben, wenn sie nicht angebetet wurden. Oder auch Karl der Grosse durfte bis heute am Grossmünsterturm sitzen bleiben, weil niemand auf die Idee kam, ihn zu verehren.)

Zwingli betont: Christus ist der einzige Vermittler zwischen Gott und den Menschen, es braucht keine Heiligen als Nothelfer. Deshalb kritisiert er die Bilderverehrung zusammen mit der Heiligenverehrung; sie verstellt den Blick dafür, dass nur einer allein "unser zuoflucht und trost ist".

Aber weshalb das Verbot, Gott abzubilden? "Du sollst dir kein Gottesbild machen, ..." (Ex 20,4) sagt er zu jenen Religiösen, die das Bild selbst schon für göttlich halten, die das Abbild praktisch gleichsetzen mit dem Heiligen selbst; die schon beim Bild stehenbleiben und nicht durch das Bild hindurch auf das Wesentliche schauen. Zwinglis grosses Anliegen ist, dass man sich nicht einbildet, man könne über Gott verfügen. Wo einen Bilder oder sogenannte heilige Gegenstände zu dieser Vorstellung verleiten und so zu Götzen werden, lehnt er sie ab.

Für Zwingli verhindern Bilder eine echte Frömmigkeit, weil sie dazu verführen, das Geschöpf anstelle des Schöpfers zu verehren, Hilfe von einem Ding statt von Gott zu erhoffen. Sinnliches und Geistliches, Äusseres und Inneres, hält er für einen Gegensatz. (Eine Ansicht mit weitreichenden Folgen!) So schreibt er: "Was und wieviel man dem sinnlichen Äusseren anvertraut, das wird man gewiss dem göttlichen Geist 'abziehen'".

Als weiteren Grund führt er an, dass das Vermögen, das für den Prunk der Kirchen ausgegeben werde, sinnvoller für soziale Hilfe verwendet würde.

Wo Zwingli also keine Missbräuche dieser Arten sah, verbot er bildliche Darstellungen nicht. Er hat, im Gegensatz zu einigen seiner Schüler in späterer Zeit, kein unabänderliches Dogma gemacht aus weiss getünchten Kirchen. Die vielberufene "reformierte Bilderfeindlichkeit" beruft sich z.T. fälschlicherweise auf ihn. Wie hätte sonst die erste Gesamtausgabe der Zürcher Bibelübersetzung zahlreiche kunstvolle Holzschnitte und Zeichnungen enthalten können?


Literatur: Hans-D. Altendorf, Peter Jezler (Hg.). Bilderstreit: Kulturwandel in Zwinglis Reformation. Zürich: TVZ, 1984.

Geschrieben von C. Schnabel am 3. November 1999