Message

Bern und Zwingli

Das erste Mal hielt sich Zwingli während seiner Jugendzeit in Bern auf. Bei Heinrich Wölfflin genoss er dort für kurze Zeit humanistische Bildung, bevor ihn seine Verwandten wieder aus der Aarestadt zurückholten. Die Dominikaner in Bern wollten Zwingli angeblich wegen seiner schönen Stimme zum Eintritt in ihren Orden veranlassen, was den Verwandten jedoch nicht passte.

Später stand Zwingli mit verschiedenen Personen in Verbindung, welche für die Reformation in Bern eintraten. Besonders mit dem Volkspriester (Leutpriester) des Berner Münsters, Berchtold Haller, pflegte der Zürcher Reformator eine freundschaftliche Beziehung, seitdem ihn der Kollege aus Bern Ende 1520 in Zürich besucht hatte; der Briefwechsel riss nie ab. Bereits aus seiner Studienzeit in Basel kannte Zwingli den späteren Wegbereiter der Reformation in Bern, Niklaus von Wattenwyl (Sohn des Schultheissen und Propst am Vinzenzstift). Nicht unerwähnt sei auch der politisch aktive Schneidermeister Lienhard Tremp, der mit dem Reformator in brieflichem Kontakt stand und mit ihm verwandt war.

Ein Grund für Zwinglis Briefkontakt zu verschiedenen Bernern war sein Wunsch, dass die Aarestadt in ihren Toren und in ihrem ausgedehnten Territorium die Reformation durchführe. Darauf hoffte er nicht nur, um für das reformierte Zürich politische Rückenstärkung zu erhalten, sondern auch weil er die Vision einer gesamteuropäischen Reformation hatte. Davon zeugen zum Beispiel die verschiedenen Widmungen seiner Schriften. Zwingli richtete sein wichtigstes theologisches Werk an den König von Frankreich. Eine andere bedeutende Schrift (Göttliche und menschliche Gerechtigkeit) widmete er dem erwähnten Niklaus von Wattenwyl, um den mächtigen Stadtstaat Bern als Stütze für die Reformation zu gewinnen.

Die konservativ eingestellten Patrizier in Bern sperrten sich lange Zeit gegen die Reformation, obwohl die Zustimmung für die neue Lehre unter der Bevölkerung kontinuierlich zunahm. Der Durchbruch kam mit den Ratswahlen von Ostern 1527, als im Grossen Rat eine reformwillige Mehrheit an die Macht kam. Um die Religionsfrage zu klären, plante die Obrigkeit eine Disputation zwischen der reformatorischen und der altgläubigen Partei. Die Regierung schrieb sie in grossem Stil aus: Zwingli und die gesamte theologische Prominenz aus den evangelischen Städten der Schweiz und Süddeutschland wurde auf den Januar 1528 eingeladen. Aus diesem Grund kam Zwingli erneut nach Bern, wo er an der Disputation eifrig mitdiskutiert (mehr als 100 Voten) und ihr seinen Stempel aufgedrückt hat. Auch was Thesen und Organisation der Disputation betraf, war vieles vom Zürcher Reformator inspiriert.
Die grosse Berner Disputation von 1528 verhalf der Reformation in Bern definitiv zum Sieg und war damit ein wichtiger Schritt für den späteren Durchbruch des Evangeliums in Westeuropa.

Seit 1528 verband Lehre und Praxis die Berner Kirche mit den Kirchen in Zürich und den anderen evangelischen Städten der Eidgenossenschaft. Eine bekenntnishafte Einigung erfolgte 1549 mit dem „Consensus Tigurinus“ und 1566 mit dem „2. Helvetischen Bekenntnis“.

Ch. Scheidegger am 06. September 2001 (bearb.)

 

Zwingli stand auch mit Niklaus Manuel, der in Bern Fasnachtsspiele mit reformatorischer Botschaft dichtete, in Briefverkehr:
"Dass Zwingli sich mit dem "Ablasskrämer" und anderen, teilweise verschollenen Werken von Manuel beschäftigt hat, geht aus einem Brief des Berner Autors an den Zürcher Reformator hervor. Er bittet darin um die Rückgabe von etlichen "schimpfschriften in rimen verfasst, so ich üch vor etliche zit überantwurt und zu besechen geben hab: namlich ein gougler vom aplass sprechend, ein aplasskremer, ein troum, zierman und zierweib in eine zech [...]"
Aus "Pfaffen Ketzer Totenfresser" von Peter Pfrunder, Chronos 1989 Zürich

Helen Kuru am 11. November 2002 (bearb.)