Message

Bergpredigt in Zwinglis Auslegung

„Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete auch die andere dar.“ - „Liebt euere Feinde.“

Wie verstand Zwingli diese radikalen Forderungen des Jesus von Nazareth? Gelten sie nur ein paar Super-Heiligen oder allen Christen? Haben sie nur für Privatpersonen oder gar für die ganze Gesellschaft eine Bedeutung?

Die reformatorische Lehre stiess unter den einfachen Leuten auf eine breite Resonanz. Diese verlangten, das Evangelium zu hören und ihm gemäss zu leben. Zum „Leben“ gehörte für viele unter ihnen nicht nur die persönlich-private Existenz, sondern auch die politischen und sozialen Verhältnisse. Es wurden daher sozialpolitische Forderungen an die Mächtigen (z.B. die Abschaffung des Zehnten und der Leibeigenschaft) gestellt. Für die Bauern, welche ihre Forderungen mit dem Evangelium begründeten, stand das Verhältnis zwischen Glauben und Politik fest: Beides muss sich decken, Bibel und Gesellschaftsrecht müssen übereinstimmen. Und weil dies nicht der Fall war, beschritten viele den Weg der Revolution, um eine göttliche Gerechtigkeit aufzurichten (der deutsche Bauernkrieg von 1525).

Einige „Radikale“ der Reformation standen den Bauern in dieser Beziehung nahe. Anstelle der bisherigen Ordnung (Kirche und bürgerliche Gesellschaft), wollten auch sie die göttliche Gerechtigkeit einführen. Das beinhaltete je nachdem die Abschaffung des Zehnten, der Zinsen, des Privateigentums, der staatlichen Gewalt und des Krieges. Dieser radikale Weg war massgeblich von der Bergpredigt inspiriert, wo man das göttliche Recht in konzentrierter Form zu erkennen glaubte.

Martin Luther kritisierte das revolutionäre Programm der Bauern und auch der Radikalen aufs schärfste. Er betonte, dass Glauben und Politik niemals gleichgesetzt werden dürfen, sondern klar auseinandergehalten werden müssen [Zwei-Reiche-Lehre - TN]. Der Glaube gehöre ins Reich Gottes, wo eine göttliche Gerechtigkeit herrsche, die Politik jedoch ins weltliche Reich, wo bloss eine menschliche Gerechtigkeit bestehe. Im innerlichen, stets unsichtbaren Reich Gottes regiere die Liebe und gebe es keine Gewalt. Im weltlichen Bereich müsse aber die Obrigkeit mit dem Schwert für Recht und Ordnung sorgen. Als Folge dieser strikten Trennung zwischen beiden Reichen, wirkte die Reformation Luthers im politisch-sozialen Bereich nur wenig verändernd.

Zwingli schlug demgegenüber einen dritten Weg vor; „via media“, nannte er ihn selber einmal. Für ihn gehörte zur Predigt des Evangeliums auch die Verkündigung der göttlichen Gerechtigkeit als Forderung an den Einzelnen und an die Gesellschaft. Das Reich Gottes hat bei ihm auch eine äussere Wirklichkeit! In Zürich geriet nicht nur religiös-kirchlich, sondern auch politisch-sozial vieles in Bewegung. Im Gegensatz zu den Bauern betonte der Zürcher Reformator jedoch den Unterschied zwischen evangelischer Forderung und bürgerlichem Gesetz, zwischen göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit. Die menschliche Gerechtigkeit sei nämlich ebenso von Gott verordnet, auch wenn sie nur relativ und unvollkommen sei.

Die meisten Punkte der göttlichen Gerechtigkeit entnahm Zwingli der Bergpredigt. Inhalt dieser Gerechtigkeit sei die Liebe. Alle Forderungen der göttlichen Gerechtigkeit seien in der Liebe zusammengefasst; das Gebot der Liebe werde in der Bergpredigt ausgelegt. Anders verhalte es sich mit dem menschlichen Recht, das nicht Liebe sei, sondern die Menschen zur (nur relativen) Gerechtigkeit zwinge. Die menschliche Gerechtigkeit ist für Zwingli ein Funktionsersatz für das Liebesgebot.

Literatur:
- Zu Zwinglis Auslegung der Bergpredigt vgl. das Bibelstellenregister in Huldrych Zwingli, Schriften IV.

- Arthur Rich, Zwingli als sozialpolitischer Denker, in: Zwingliana 13 (1969).

- Heinrich Schmid, Zwinglis Lehre von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit, Zürich 1959.

Ch. Scheidegger am 10. Oktober 2001 (bearb.)