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Armut

Schlechte Ernten, Krankheiten und die Teuerung stürzten Anfang des 16. Jahrhunderts weite Bevölkerungsteile der Eidgenossenschaft in die Armut. Viele junge Bauern suchten ihr Glück im Solddienst und kamen oft gar nicht mehr oder krank und verkrüppelt zurück. Ganze Landstücke blieben dadurch unbeackert, was die Nahrungsmittel-Knappheit und Armut weiter verschärfte.

Zürich wurde von eigentlichen Bettlertruppen heimgesucht, die scharenweise die Klöster, Bauernhöfe und Bürgerhäuser belagerten. Die Verelendung und Not, die dabei zum Ausdruck kam, war erschreckend. Die Bettler traten mitunter in straff organisierten und rivalisierenden Banden auf. Behinderte wurden zum Almosensammeln für ganze Familien losgeschickt. Eltern blendeten und verstümmelten gar die eigenen Kinder, um das Erbarmen der Wohlhabenden zu wecken.

Die öffentliche Mildtätigkeit lag bis zur Reformation vollumfänglich im Zuständigkeitsbereich der Kirchen und Klöster. Für sie galt die Versorgung der Almosenempfänger als gutes Werk, womit sie sich Gottes Gnade vor dem jüngsten Gericht sichern konnten. Sie gaben den Bettlern zu essen, Kleider und notfalls auch Unterkunft, was an der zunehmenden Zahl der Hilfesuchenden jedoch kaum etwas änderte.

Rea Rother

 

 

In den Schriften Zwinglis treten die Armen meist als positives Gegenstück zur heuchlerischen Armut von Mönchen und Priestern in Erscheinung. Der falschen Armut von Kirchen und Klöstern stellt Zwingli die wahre Armut der Bedürftigen und Kranken entgegen. Mehrmals nennt er sie "die lebendigen Bilder Gottes" oder "die wahren Bilder Gottes", eine Formulierung, die auch in den Staatsakten wieder auftaucht. In einer Zeit, in der alle äusseren Zeichen der Frömmigkeit wie Kirchenschmuck, Bilder und Wallfahrten verworfen wurden, blieben die Armen die wahren Bilder Gottes. Die Armen waren nicht Kern eines konkreten Anliegen Zwinglis, sondern Bild für den selbstlosen und nicht auf Äusserlichkeiten bedachten neuen Glauben von Gottes Gnaden. Nicht verwunderlich ist deshalb, dass sie auf den zeitgenössischen Titelseiten dreier Schriften Zwinglis auftauchen: "Der Hirt", "Wer Ursache zum Aufruhr gibt" und "Eine Antwort gegeben gegenüber Valentin Compar" sind alle mit Holzschnitten oder Kupferstichen versehen, die Christus inmitten der Armen und Kranken zeigt, oder im Bild gesprochen, die reformierte Gemeinde, wie sie Zwingli predigte.

Aus dieser symbolischen Bedeutung der Bedürftigen folgte in der Realität der Almosenordnung von 1525 die Übergabe von Kirchengut und die Ablösung von Pfründen zugunsten der Armen. Zwingli hat dieses Vorgehen mit dem Verweis auf die Armut Christi und die frühchristliche Tradition, nach der alles Kirchengut den Armen gehörte, immer wieder gefordert. Er verlangte konkret, den Kirchenschmuck und die überschüssigen Einkünfte und Vermögen der Kirche (will heissen: was nicht für die Grundversorgung der Geistlichen verwendet wurde) den Bedürftigen zu übergeben sowie die Klöster in Herbergen für die Armen zu verwandeln. Die nähere Verwendung dieser Mittel lässt Zwingli allerdings im Dunkeln und begnügt sich meist mit der allgemeinen Formulierung, dass sie den Armen übergeben werden sollen. Für Zwingli ist nicht entscheidend, was der Reichtum der Kirche am neuen Ort helfen kann, sondern was er am alten Ort geschadet hat. Zwingli meint also nicht in erster Linie die vielen Armen und Bettler, denen er täglich begegnete, sondern die Armen als "wahre Bilder Gottes", die als einzige ihr Schicksal noch frei von Gott empfangen.

Noch ein Wort zur Almosenordnung von 1525: Diese stammt nicht von Zwingli; höchstens inspiriert hat er sie. Wie bereits gesagt, äusserte sich Zwingli nie konkret zur Praxis der Armenfürsorge.

Michael Funk am 13. Juni 2002 (Forums-Beitrag ETH, bearb.)