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Arbeit, Arbeitsethik

Arbeit, Arbeitsethik - Europa und USA

„Arbeit ist etwas Gutes, etwas Göttliches“, schrieb Zwingli einmal. Diese positive Bewertung der Arbeit war damals nichts Selbstverständliches. Denn bis zur Reformation verband man mit der Arbeit v. a. Mühe und Last.

Die meisten antiken Philosophen konnten der einfachen Arbeit überhaupt nichts Gutes abgewinnen. So etwa Plato, der im Studium der Philosophie die höchste menschliche Beschäftigung erblickte, die mit gewöhnlicher Arbeit angeblich inkompatibel ist. Auch wenn das Christentum diese negative Einstellung zur Arbeit ablehnte, galt doch während des gesamten Mittelalters, dass Arbeit in irgendeiner Form (vita activa) geringer ist als die Beschäftigung mit Gott (vita contemplativa). Anders als die alten Mönchsorden, die einen Ausgleich zwischen Arbeit und religiösem Leben suchten (das benediktinische „ora et labora“), sollten sich die Anhänger der neuen Orden (Franziskaner u. a.) ganz der religiösen Betätigung widmen und zu einem wesentlichen Teil vom Bettel leben. Zu diesen Bettelmönchen gesellten sich noch weitere Arbeitslose: ein ganzes Heer von professionellen Armen (Bettler, Vagabunden und Kriminelle). Auf der anderen Seite stand der Adel, der sich ausschliesslich mit dem Regieren beschäftigte und die Arbeit sowohl der kleinen Leute als auch der reichen Händler verachtete.

Zwischen der gewöhnlichen Arbeit und anderen Formen menschlichen Wirkens bestand im Mittelalter also ein riesiger Graben. Dieser Graben wurde durch die Reformation zugeschüttet, weil die Arbeit mit der neuen Lehre eine massive Aufwertung erfuhr. Das wird besonders am neuzeitlichen Berufsbegriff deutlich, der auf Martin Luther zurückgeht. Im Mittelalter wurde die Vokabel „vocatio“ (= Beruf) für die klerikale Lebensform gebraucht, etwa der Mönche; sie waren ja von Gott ganz besonders berufen worden. Für Luther oder Zwingli gehörten jedoch alle Christen dem geistlichen Stand beziehungsweise Beruf an, wobei jeder in dem Bereich Gott dienen sollte, in welchen er berufen worden war. Die Stallmagd hatte also einen „Beruf“, wenn sie die Kühe molk und wenn sie mistete, und der Bürgermeister diente Gott genauso wie der Prediger.
Während Huldrych Zwingli die selbstgewählte Arbeitslosigkeit der Bettelmönche mit scharfen Worten verurteilte, lobte er besonders die Handarbeit. Seinen Verwandten im Toggenburg schrieb er: „So oft ich höre, dass ihr von eurer Hände Arbeit lebt, wie es euer Herkommen ist, so bin ich glücklich und sehe, dass ihr den Adel, von dem ihr geboren seid - von Adam -, in Ehren haltet.“

 

Ch. Scheidegger am 20. Oktober 2001 (bearb.)

Calvin und die Überstunden
oder die Arbeitsethik in den USA und in Europa

Einleitung
Die ethische Einstellung zur Arbeit ist selbstverständlich sowohl unter den Deutschen und Schweizern als auch unter den Amerikanern so verschieden wie nur möglich. Diesseits und jenseits des Atlantiks gibt es den Karrieretyp, der ausschliesslich in der Arbeit seine Selbstverwirklichung sucht, wie auch den Aussteiger, der sich dem Druck radikal verweigert, sich über die Erwerbsarbeit zu definieren.
Hier sei auf einige historische Faktoren aufmerksam gemacht, welche für bestehende Unterschiede möglicherweise verantwortlich sind.

Nordamerika
Das protestantische Arbeitsethos führte zu einer neuen Wertschätzung der Arbeit. In der Arbeit wurde die Bestimmung des Menschen gesehen, weil der einzelne mit ihr Gott und dem Nächsten diene. Im Unterschied zu Deutschland, wo die meisten protestantischen Länder vom Luthertum beeinflusst waren, setzte sich in Nordamerika ein stark calvinistisch beeinflusster Zweig des Protestantismus durch. Eine Eigenart des Calvinismus war die auf den Reformator Johannes Calvin zurückgehende Lehre von der doppelten Erwählung der Menschen. Der eine Teil der Menschheit war demnach zum ewigen Heil, der andere hingegen zu ewiger Verdammnis prädestiniert. Ohne definitiv zu wissen, welcher Seite man angehörte, gab es doch äussere Hinweise auf die innere Errettung: Erfolg im Beruf und in der Welt zeigten an, dass man auf dem richtigen Weg war. Das bedeutete harte Arbeit und Verzicht auf Luxus (persönliche Heiligung). Ganz auf die eigene Verantwortung gestellt, wurde auf diese Weise die Heiligung des persönlichen Lebens verfolgt. Die Eigenverantwortung erfuhr noch eine Steigerung, als extreme Calvinisten in England einen von der anglikanischen Kirche unabhängigen Kurs steuerten und sich so plötzlich ausserhalb der Gesellschaft befanden. Da sie mit der Gesellschaft kaum noch verbunden waren, kämpften sie nicht mehr als ganze Gemeinde oder Stadt sondern als einzelne für ein besseres Leben. Weil es für religiöse Dissidenten in der uniformen Gesellschaft von damals keinen Platz gab, wanderten seit dem 17. Jahrhundert viele von ihnen in die englischen Kolonien Amerikas aus. Dort gab es keine Gesellschaft, die auf einem derart ausgeprägten Gemeinsinn basierte wie in der Alten Welt, wo dem Individuum selbst das Glaubensbekenntnis vorgeschrieben war. In der Neuen Welt konnte man sein Leben selber entwerfen; die Möglichkeiten schienen beinahe unbegrenzt. Und so brach man ständig zu neuen Horizonten auf: Es entstand eine ausgeprägte Siedlermentalität.

Eigenverantwortung und Erfolgsstreben, die beide aus der calvinistischen Lehre resultierten, führten zusammen mit der Siedlermentalität längerfristig zu einer Arbeitsmoral, die zwar durch Aufklärung und Liberalisierung grundlegend verändert, aber bis weit in die moderne Zeit nachwirkten: a) Nach wie vor kommt heute der Arbeit eine herausragende Bedeutung zu (Im 19. Jhd. säkularisiert: Verwirklichung des persönlichen Glücks, verbunden mit den bürgelichen Wertvorstellungen von Fleiss und Ordnung. Im 20.Jh.: Selbstverwirklichung und damit identitätsstiftend. Das gilt auch für Europa, kleiner Unterschied: in den USA werden mehr Überstunden gemacht und weniger Ferien eingezogen als in Europa). b) Weitgehend fehlende soziale Absicherung durch den Staat (Eigenverantwortung). c) Jeder arbeitet selber an seiner Ausbildung, die er individuell gestaltet (es gibt keine Berufslehre); die meisten wechseln recht häufig ihren Job (Aufbruch zu Neuem).

Deutschland und Schweiz res. Europa
Demgegenüber trifft man im Europa der frühen Neuzeit (vor 1800) auf anders bestimmte Mentalitäten. Die Gesellschaft war durch die enge Gemeinschaft geprägt. Die Religion wurde von oben, von der Regierung, vorgeschrieben (cuius regio eius religio = wessen Territorium dessen Konfession), das Leben war durch sogenannte Sittenmandate geregelt, und im wirtschaftlichen Bereich waren es die Zünfte, die alles bis ins Detail organisiert hatten. In einigen Territorien war eine relativ grosse Zahl von Männern an der Mitbestimmung der Zünfte und der Obrigkeit beteiligt, so etwa in den Städten des Reichs und in der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Dort besonders galt, dass das Leben gemeinsam angepackt und geregelt wurde. Die Verantwortung lag nicht beim einzelnen sondern bei der Gemeinschaft. Doch nicht allein in den kommunalen Systemen (Städte und Landgemeinden), sondern auch in den Fürstentümern diente jeder mit seiner Arbeit der Gemeinschaft und schlussendlich Gott, und zwar jeder in seinem Stand: Bauer, Zünfter, Adliger und Pfarrer; im alten Europa war innerhalb der Gemeinschaft alles festgelegt, und es gab alles andere als unbegrenzte Möglichkeiten. Zwar veränderten Aufklärung und Demokratie das Gesicht Europas grundlegend; so wurde etwa auch die sehr enge, religiös definierte Gemeinschaft gelockert. Trotzdem wurden auch in den modernen Gesellschaften Europas viele Dinge noch gemeinschaftlich geregelt und nicht einfach der Eigenverantwortung überlassen. Der Sozialstaat und die Berufslehre zum Beispiel sind Ausdruck davon, dass die Gesellschaft eine Mitverantwortung am Wohl und Gelingen des Nächsten trägt. Und dass diesseits des Atlantiks bis vor wenigen Jahren die Erwerbstätigen oft viele Jahre und manchmal fast ein ganzes Arbeitsleben lang in ein und demselben Unternehmen tätig waren, lag vielleicht an der Haltung, seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen zu wollen, wie es für das vormoderne Standesdenken ganz selbstverständlich war.

Ch. Scheidegger am 07. Mai 2001 (bearb.)