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Amtsverständnis

Zwingli legt sein Verständnis vom Pfarramt in zwei Schriften besonders ausführlich dar: Es sind dies einerseits "Der Hirt" (1524), andrerseits "Von dem Predigtamt" (1525). Auch in "Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel" (1523) geht er kurz auf das Priesteramt ein. Wenn er übrigens von "Priester" oder "Hirt" spricht, redet er vom evangelischen Pfarrer. "Prophet" benützt er als eine geläufige Bezeichnung für den Prediger.

An der Zweiten Disputation, an der mehrere hundert Prediger teilnahmen, predigte er über das Amt. Diese Predigt wurde später unter dem Titel "DER HIRT" veröffentlicht und stellt das neue Berufsbild des evangelischen Priesters / Pfarrers vor Augen. Der Titel fasst den Inhalt wie folgt zusammen: "Der Hirt: Wie man die wahren christlichen Hirten und umgekehrt die falschen erkennen, auch wie man sich ihnen gegenüber verhalten soll". Der wahre Hirte wird beschrieben als einer, dessen Wort nicht seinem eigenen Herzen entspringt, sondern von Gott kommt. Er verzichtet auf weltlichen Herrschaftsstil und gibt mit seinem Leben ein Vorbild. Er hält stand, auch wenn er Fehlschläge und Widerstand erleben muss, und er ist bereit, zu leiden und zu sterben wie der gute Hirte. Sein Lebenswandel unterstützt seine Verkündigung, denn "das lebendige Beispiel ist lehrreicher als hunderttausend Worte". - Das beachtliche Anforderungsprofil in dieser Schrift kommentiert Zwingli selbst mit: "Womit uns klar werden dürfte, dass es nicht menschlicher, sondern göttlicher Kraft bedarf, um ein derart schweres Amt untadelig zu versehen."

Im Zentrum von Lehre und Leben des evangelischen Pfarrers steht die unerschrockene Verkündigung. Die Verkündigung des Wortes Gottes sei das Herz des Pfarramtes. Allerdings sind dabei Prediger und Predigt stets nur Werkzeuge in Gottes Hand.

Der Pfarrer ruft Menschen zur Umkehr und spricht ihnen die gute Nachricht zu, wobei er keinen Unterschied macht zwischen Hohen und Niedrigen und sich nicht auf religiöse Themen beschränkt, sondern sich freimütig auch über Dinge wie Habgier, Wucher, Krieg, das Söldnerwesen und wirtschaftliche Monopole äussert. (Die Vielfalt der Themen kennzeichnet auch Zwinglis eigene Predigten; er geht auf alle Aspekte des täglichen Lebens ein.)

Doch was nützt es, wenn einer selber nicht glaubt, was er predigt, und nicht lebt, was er sagt? Besonderes Gewicht erhält deshalb der Lebensstil und der eigene Glauben des Pfarrers. So wendet sich Zwingli mit Nachdruck gegen die Ausübung politischer Macht durch Amtsträger der Kirche und gegen die Unsitte, aus kirchlichen Ämtern finanzielle Vorteile zu ziehen, und schreibt: "Was konnte dem Christenvolk Traurigeres widerfahren, als 'Hirten' zu haben", die alle Gläubige in Hunger und Zweifel zurückliessen, "weil sie selber nicht glaubten, was sie aller Welt auftischten! Denn: hätten sie es selber geglaubt, sie würden anders gelebt haben". Das Profil des rechten Hirten wird gewonnen am 'Prototypen' des Hirten und vollkommenen Vorbild Christus, der personifizierten Einheit von Lehre und Leben, von Prophetie und Seelsorge.

Als nach der Zweiten Disputation der radikale Flügel der Reformation Auftrieb gewann, sah sich Zwingli veranlasst, erneut sein Verständnis des Amtes, nun in Abgrenzung zu den Täufern, darzulegen. Auch Zwingli trat (theoretisch? in Grenzen?) für das Priestertum aller Gläubigen ein. Die Täufer in Zwinglis Umgebung haben aber den reformatorischen Durchbruch zum allgemeinen Priestertum der Gläubigen als Lizenz zur Errichtung einer völlig freien, amtlosen Kirche verstanden. Diesem Verständnis von Reformation, durch das Zwingli sein Werk in Zürich aufs höchste gefährdet sah, trat er mit seiner Schrift "VON DEM PREDIGTAMT" sofort entgegen:

Kritisierte er an seinen konservativen Gegnern, dass sie Priester und Volk voneinander trennten und dem Priester eine Eigenschaft und Rolle zuschrieben, die er in Wirklichkeit nicht besass, konnte er umgekehrt mit den Radikalen nicht teilen, dass sie die besondere Stellung des ordinierten Amtes leugneten und den Unterschied zwischen Predigern und anderen Gemeindegliedern nicht wahrhaben wollten. Zwingli warf den Radikalen vor, dass sie ohne Erlaubnis in Gemeinden auftraten und dort - jedenfalls aus seiner Sicht - mit ihren Lehren und ihrem Vorgehen Verwirrung und Unruhe stifteten. Massgebend für seine Haltung ist, dass es niemandem zustehe, von sich aus das kirchliche Amt zu beanspruchen. Vielmehr müsse jemand von Gott UND der Kirche dazu beauftragt werden. Gegenüber den Radikalen trat Zwingli auch für eine gründliche Ausbildung (alte Sprachen) und für ein geordnetes und bezahltes Predigtamt ein. Aus der Reihe der Radikalen warf ihm deshalb z.B. Hubmaier vor, er führe ein neues 'Papsttum' ein: Die Abhängigkeit der Kirche von denjenigen, die die biblischen Sprachen beherrschten, sei im Grunde nichts anderes als die frühere Abhängigkeit von Päpsten und Konzilien. Simon Stumpf, ein anderer Vertreter der Radikalen, lehnte die Errichtung vollamtlicher und bezahlter Pfarrämter ebenfalls ab; mehr als die deutsche Bibel und der Heilige Geist seien nicht notwendig, um predigen zu können.

"AUSLEGUNG UND BEGRÜNDUNG DER THESEN ODER ARTIKEL": Artikel 61-63
Hier äussert sich Zwingli gegen den sog. "Character indelebilis" (i.e. für die katholische Theologie das unzerstörbare Merkmal, das die Priesterweihe der Seele einprägt): Wer Priester / Pfarrer ist, bleibt dies nicht unbedingt lebenslänglich, denn er kann, wenn ungeeignet, schlicht abgesetzt werden. Wenn ein Priester entlassen wird, ist er nicht mehr in seinem Amt. Das Priestertum ist also ein Amt, wie z.B. ein Bürgermeisteramt, und nicht eine Würdenstellung oder ein Adelstitel. Somit bedeutet Priestersein nichts anderes, als ein ehrsamer Verkünder des Wortes Gottes und ein Wächter über das Heil der Seelen zu sein. "Ein Priester ist (...) nichts anderes als ein alter (NB: Lebensdaten 1484-1531...), ehrwürdiger, d.h. ernsthafter Mann", der das Wort verkündet. Dazu gehört allerdings einiges: "So lasse ich hier gerne diejenigen Priester sein, die in einer Kirchgemeinde lehren, das Gotteswort verkünden, aus der griechischen und hebräischen Sprache übersetzen, predigen, ärztliche Hilfe leisten, die Kranken besuchen, die Armen unterstützen, ihnen Almosen verteilen und sie speisen; denn dies alles gehört zum Wort Gottes." Bei all diesen Anforderungen ist auch nur folgerichtig: Ein Pfarrer hat das Recht auf einen angemessenen Lebensunterhalt und soll nicht mit Kirchenalmosen dürftig abgespiesen werden, jedoch auch nicht, "den Drohnen in den Bienenkörben gleich", das, was andere erarbeiten, "in aller Ruhe verschmausen".

Die Verbindung von Predigt und Seelsorge, die Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft sowie die Einbettung des Predigtamtes in den Kontext der Kirche statt seiner Stellung über der Kirche - diese Züge gehören zum festen Bestandteil von Zwinglis Amtsverständnis.

Immer wieder hebt er die Notwendigkeit des Predigtamtes als der von Gott gewählten Wirkungsweise hervor. Dabei wirft er auch eine Frage auf, die ihn den Radikalen näher bringt: Könnte Gott nicht die Menschen einfach durch den Geist erleuchten, also ohne einen Prediger / Propheten zu senden? Ohne Zweifel kann Gott ja alles. Doch er antwortet, dass Gott es vorgezogen hat, zu handeln, indem er einen Propheten sandte. Als weiteren Grund fügt er hinzu, dass der Mensch eben kein Engel sei, sondern die Dinge mittels äusserlicher Sinne wahrnehme. Selbstverständlich gilt dabei: Der Heilige Geist ist im Predigtamt durchwegs unentbehrlich. Er muss im Hörer ebenso wirken wie im Prediger; und ohne sein Zutun gibt es keine wirksame Predigt des Wortes Gottes. "Denn wir sind nur Diener. Wir bewirken gar nichts, es sei denn, der Herr wirke inwendig durch seinen Geist."

Literatur:
Huldrych Zwingli Schriften: "Der Hirt", " Von dem Predigtamt", "Auslegung und Begründung der Thesen oder Artikel".
Peter Stephens: "Zwingli: Einführung in sein Denken" (Zürich 1997).

Weiterführende Literatur:
Hans Scholl: "Nit fürchten ist der Harnisch: Pfarramt und Pfarrerbild bei Huldrych Zwingli" in: Zwingliana XIX,1, Zürich 1992, S. 361-392.
Martin Hauser: "Prophet und Bischof: Huldrych Zwinglis Amtsverständnis im Rahmen der Zürcher Reformation" (Freiburg 1994).

C.Schnabel am 17. August 2000 (bearb.)