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Almosenordnung

Almosenordnung von 1525

Zwingli übte schon früh Kritik an den Kirchen und Klöstern, die sich Bettler und Kranke hielten, nur um selber vor Gott besser dazustehen. Der Hunger und die wachsende Not der Minderbemittelten liessen sich seiner Meinung nach nicht mit "verdienstlichen Werken" bewältigen. Er wollte das Armutsproblem an den Wurzeln packen und griff damit grundlegend auch in die kirchenpolitischen Verhältnisse ein.

"Der Christ gibt nicht, um in den Himmel zu kommen", betonte Zwingli, "der Christ gibt aus Dankbarkeit." Denn im Glauben an Jesus habe er das ewige Heil bereits empfangen. Individueller Reichtum und Armut wurden nach dem neuen Sozialethos der Reformation als Hinweis auf die mangelnde menschliche Gerechtigkeit verstanden. Seine fortschrittlichen theologischen Ansichten predigte Zwingli nicht nur von der Kanzel, er setzte sie auch auf politischer Ebene durch.

Mit Zwinglis Almosenordnung, die im Januar 1525 vom kleinen und grossen Rat gutgeheissen wurde, kam es in Zürich zu wichtigen sozialpolitischen Neuerungen: Fortan waren nicht mehr nur die Kirchen für die Armen- und Krankenfürsorge zuständig. Mit der gleichzeitigen Aufhebung der Klöster floss ein reiches Vermögen in die Staatskassen, was eine grosszügige und umfassende Armenpolitik erlaubte. Die Stadt Zürich wurde zu Sofortmassnahmen gegen das grassierende Hungerleiden verpflichtet. Die vom Rat eingesetzten Armenpfleger sorgten dafür, dass die Unterstützung der Bedürftigen ordnungsgemäss von Statten ging.

Jeden Tag, nach dem Morgenläuten, wurde beim Predigerkloster ein grosser Mushafen bereitgestellt und den Armen in Zürich ein warmes Essen gereicht. Wer das Almosen nicht selber abholen konnte, bekam es nach Hause gebracht. Daneben war auch für Kleidung, medizinische Betreuung und Unterkunft sowie Schulbildung für die Kinder der Minderbemittelten gesorgt. Wer sich der Trunk- oder Spielsucht, der Kuppelei oder Hurerei hingab oder einen sonstwie liederlichen Lebenswandel führte, bekam nichts.

Zwinglis Sozialwerk zielte darauf ab, die Almosenempfänger längerfristig wieder zur Arbeit und einem eigenständigen Leben heranzuziehen. Er wies die jungen, gesunden Bettler an, das viele brachliegende Land neu zu bestellen. Nur so konnte man das Armenelend einigermassen in den Griff bekommen. Ganz bezwingen liessen sich die Gräben zwischen Reich und Arm zwar auch mit Zwinglis Almosenordnung nicht, aber immerhin wurden damit die wichtigsten Grundsteine für das bis heute im Kern unveränderte Sozialwesen gelegt.

Rea Rother